Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KABARETT

Das Leiden

des Zeigefingers

Das E-Bass-Geplucker geht ihm schnell auf die Kuppen: „Mensch Leute, ich bin jetzt 34, und ich mach’ das nicht mehr lange mit“, jammert Rainald Grebe , hält seinen wunden Zeigefinger in die Höhe und setzt sich lieber wieder ans Klavier. Dorthin, wo Kabarettisten mit Fingerspitzengefühl nach wie vor am besten aufgehoben sind. Mit seinen Soloabenden am Flügel war Grebe in den letzten Jahren der Aufstieg in die Spitzenklasse der deutschen Kabarettisten gelungen: Bundesweit bejubelt und kabarettpreisgekrönt wurden seine skurril sarkastischen Spottlieder auf die ostdeutsche Provinz, seine kühn gedrechselten Reime (etwa der Magersucht-Song „Pia, Du bist so dünn wie ein Dia“) und die souveräne Balance zwischen Albernheit und Sarkasmus. Und was davon im neuen Programm in der Bar jeder Vernunft (wieder am 27.6.) noch übrig ist, reicht auch diesmal wieder, um den Abend zu tragen: Gleißender Blick unterm Apachenhelm, kühn hingeschleuderte Aphorismen, furchtlos gedehnte Kunstpausen von tragikomischer Eigenexistenz.

Schade nur, dass dem Kölner die Einsamkeit des Kabarettisten offenbar langweilig geworden ist: Mit der an sich tadellosen „Kapelle der Versöhnung“ hat sich Grebe Verstärkung geholt und mit Unterstützung von E-Gitarre und Schlagzeug einen Orientierungsversuch in Richtung Rock-Kabarett unternommen. Doch der hammerharte Sound erschlägt die Pointen, die mutwillige Absurdität der kauzigen Einzelgängers weicht den banalen Weisheiten deutschrockiger Schlagertexte, die Grebe im NDW-Kommandoton unters Volk bringt: Dass zwischen SPD und CDU kaum mehr ein Unterschied besteht, man weiß es auch ohne ihn. Kabarett mit erhobenem Zeigefinger. Kein Wunder, dass der nachher wehtut.

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ARCHITEKTUR

Zwei Dreiecke

umkreisen einen Turm

340 Meter, mit Antenne gar 420 Meter hoch soll das Doppelhochhaus werden, das der Berliner Architekt Sergei Tchoban für Moskaus neues Büroviertel „Moscow City“ entworfen hat. Seine russische Herkunft – St. Petersburger des Jahrgangs 1962 – erweist sich im Umgang mit den dortigen Baubehörden als unschätzbar. Der „Federation Tower“ ist zum Wahrzeichen schon jetzt prädestiniert. Zwei abgerundete Dreiecke von unterschiedlicher Höhe – 236 und 340 Meter – umkreisen einen zentralen Treppenturm. Es ist dies seit langem der interessanteste Ansatz, der für ein Hochhaus gefunden wurde.

Tchoban, der sein erstaunlich produktives Büro in den Hackeschen Höfen unterhält, zeigt im selben Haus, bei Aedes East, derzeit seine wichtigsten in Arbeit befindlichen Vorhaben (Rosenthaler Str. 40/41, bis 9. Juni, Katalog 10 €). Darunter sind drei Berliner Projekte – keine Neu-, sondern Umbauten von stadtbildprägenden Gebäuden. Da ist zum einen Peter Behrens’ derzeit so traurig heruntergekommenes „Berolina-Haus“ am Alexanderplatz, dem er mit einem leicht ausgestellten Erker an der nordwestlichen Brandwand einen markanten Abschluss beschert. Tiefer sind die Eingriffe ins „Bikinihaus“ am Breitscheidplatz, das Tchoban zum „Themenhotel“ mit Bezug zum Zoo umformen wird, womit er die niederschmetternde Hinterhofsituation der Rückseite beenden will. Und schließlich ist ein metropolitan geschwungener Neubau am Europa-Center geplant, der das geschlossene Kino ersetzen soll. Metropolitan sind alle Entwürfe Tchobans, von urban gelassener Selbstverständlichkeit, ohne sich vorzudrängen. Wäre das Moskauer Hochhaus doch nur für Berlin zu verwirklichen! Bernhard Schulz

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