Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Rhythm

is it

Simon Rattle muss das Herz in die Hose gerutscht sein. Was machen denn seine Berliner Philharmoniker da? Das Orchester, mit dem zusammen er die spannendsten, anregendsten Haydn-Interpretationen der letzten Jahre hingelegt hat! Das hier aber ist alles andere als inspiriert, ja geradezu niederschmetternd behäbig. Rattle sitzt diesmal als Zuhörer im ausverkauften Saal, vorne steht sein Kollege Mariss Jansons , auf den Pulten der Musiker liegt die Symphonie Nr. 97 von Joseph Haydn. Doch der hoch geschätzte lettische Maestro, Chef des Amsterdamer Concertgebouworkest, weiß mit dem Stück so gar nichts anzufangen, wirkt manches Mal gar rhythmisch desorientiert. Wattig verpackt kommen die Sätze daher, die musikalischen Gedanken werden nicht geistvoll ausformuliert, sondern fließen vielmehr sinnverwischend ineinander. Da wird kein Cello-Pizzicato als verschwörerisches Augenzwinkern des Komponisten gezeigt, da fallen alle raffiniert-verspielten Details unbeachtet unter den Tisch. Absolut humorfrei auch Schostakowitschs Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester. Mit breitem Pathos-Pinsel verklebt Jansons diesem Meisterwerk klingender Satire jede Pore, so dass alles ironische Hin und Her seinen Sinn verliert, die Partitur als unerklärliches Flickwerk erscheint. Von seinem Trompeten-Partner und Widerwortgeber getrennt – Tamas Velenczei muss sich hinter dem geöffneten Flügel hinsetzen! – kämpft der wunderbare Yefim Bronfman mit der Kraft des Verzweifelten um jede witzige Wendung – und steht doch letztlich auf verlorenem Posten. Das Orchester verlässt eigenmächtig die Bühne während der Applaus noch prasselt.

Nach der Pause versöhnt in Sibelius’ zweiter Sinfonie dann zum Glück der gewohnte Weltklasseklang der Philharmoniker: Blitzendes Blech, schimmernde Streicher, betörende Pianissimoeffekte, der große, gemeinsame Gesang des Finales. Bei den Musikern ist es schöner Brauch, sich am Ende eines gelungenen Abends beim Dirigenten zu bedanken, indem sie mit ihren Bögen auf die Notenpulte klopfen. An diesem Abend regt sich auf der Bühne keine Hand.

* * *

THEATER

Wer nichts wird,

wird Wirt

Seine aussichtsreichsten Tage hat das Personal, das sich in Ödön von Horváths Alpen-Hotel Zur schönen Aussicht versammelt, längst hinter sich. Der Hotelier Max Strasser hockt unglücklich in der Tourismusbranche fest, weil er es als Schauspieler zu nichts brachte. Mit seinem korrupten Kellner und seinem vorbestraften Chauffeur hat er leider auch bei der Zweitkarriere wenig Stilsicherheit bewiesen: Die abgehalfterte Freifrau von Stetten ist seit Monaten einziger Gast. Skrupellos wird an der personifizierten Kaufkraft herumgebaggert. Als sich die Gelegenheit ergibt, eine junge Millionenerbin zu umkriechen, ist es mit der männerbündischen Solidarität vorbei.

Ziemlich reißbrettartig muten die Figuren an, mit denen uns Horváths Komödie auf die alte Weisheit stößt, dass am Golde alles hängt und nach dem Golde alles drängt. Umso bemerkenswerter, was für einen hochklassigen Abend die Regisseurin Tina Küster und die Ausstatterin Claudia Philipp im Theater Textmarker aus diesem Sujet herausgeholt haben (Kopenhagener Str. 16, Prenzlauer Berg, noch einmal heute, 20 Uhr). In ihrem Theater – einem ehemaligen Ladenlokal, wo die Zuschauer mitten im Bühnenbild sitzen – ist Horváths nahezu achtzig Jahre alter Text mühelos in der Gegenwart von Hartz IV und kellnernden Webdesignerinnen angekommen.

Und zwar nicht durch platte Originalitätskrämpfe und Effekthascherei, sondern durch kluge Textarbeit, differenzierte Darsteller und eine feinnervig zwischen Farce und Tragödie balancierende Regie. Konzeptionell wie schauspielerisch lässt dieser Abend so manche etablierte Bühne ziemlich grau aussehen – von der Spiellust der Akteure (unter anderem Nina El Karsheh, Alexander Flache und Anna Görgen) ganz zu schweigen. Christine Wahl

KUNST

Straßen in die

Verlorengegangenheit

Kühe, lärmende Durchgangsstraßen, Baustellen und an der Ecke ein Juweliergeschäft. Das ist Deutschland. Mal grau, dann grün und saftig. Für ihr „J. Street-Project“, das in Teilen in der daadgalerie (Zimmerstr.90/91, Mitte, bis 11. Juni, Mo-Sa 12-19 Uhr) zu sehen ist, recherchierte, filmte und fotografierte die amerikanische Künstlerin Susan Hiller systematisch alle 303 „J“-Straßen, die es in Deutschland noch gibt: Jüdengasse, Judengangle, Judenberg, Judenhof. Stille Zeichen einer vernichteten Kultur, die im Alltag kaum jemand bemerkt.

Es sei denn, man ist fremd, wie Susan Hiller, die seit Anfang der Siebzigerjahre in London lebt, 2002 als Gast des DAAD nach Berlin kam und hier in Mitte die Jüdenstraße entdeckte. Mit Stadtplan und GPS-System ausgestattet, reiste die ausgebildete Anthropologin seitdem drei Jahre lang quer durch die Bundesrepublik und dokumentierte den Alltag in den Judenstraßen. Das Gemurmel in den Fußgängerzonen, leere Gassen, idyllische Feldwege. Und das, was man nicht sieht. Denn darum geht es Hiller. Ihr gesamtes Werk, das die Kunsthalle Basel gerade mit einer Retrospektive würdigt, beschäftigt sich mit Geistern. Im Normalen, im Banalen oder im Stillen meint Susan Hiller sie zu finden. Das wird in ihrem rund 80-minütigen „J. Street“-Video spürbar, wo sich das Sehen und Hören der Straßennamen, Alltagsszenen- und geräusche ganz unmittelbar mit Wissen, Erinnerung und Imagination verbindet. Geister lassen sich nicht vertreiben. Doch es braucht manchmal Künstler, um sie zu sehen. Birgit Rieger

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