Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Ein Dinosaurier tappt

über den Gendarmenmarkt

Zwei Spätwerke früh Verstorbener setzt Michail Jurowski , ständiger Gastdirigent des RSB , aufs Programm. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein: Mahlers 1908 komponiertes „Lied von der Erde“ ist nicht nur seine persönliche Abschiedsmusik, es markiert den Abschied einer Epoche. Die Klänge und Gesten der Spätromantik sind in diesem sinfonischen Liederzyklus wie aufgehoben, die Welt, nicht nur die musikalische, beginnt sich in Mahlers Wien um 1910 neu zu arretieren. Kaum anrührender als im letzten Satz, dem „Abschied“, ist der Tod wohl je besungen worden. Hanne Fischer legt ihre Stimme im Konzerthaus expressiv über das Orchester, das sich zurückhaltender hätte zeigen können.

Die Uraufführung der fünften Sinfonie von Wladimir Jurowski, dem Vater des Dirigenten, geht Mahlers Werk voraus. Hier will jemand mit frosterstarrten Pranken Vergangenes in die Gegenwart reißen. Unbeeindruckt von dem, was seine russischen Kollegen Gubaidulina und Denisow Anfang der Siebziger schrieben, wuchtet Jurowski bitter grundierte Melodien und Marschrhythmen zu mächtigen Klangkaskaden. So wirkt das Werk konturlos und unzeitig. Wenn das Schlusstutti von mächtigen Orgelklängen eingeleitet wird, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, hier werde ein Dinosaurier über den Gendarmenmarkt geschleift.

* * *

PERFORMANCE

Ein Besucher lässt

die Hüllen fallen

Voll und üppig steht sie im Foyer, bedeckt nur mit einer undefinierbaren Masse. Die nackte Frau ist die erste Station im HAU 1 , vor ihr ein Schild: „Lick me!“ Zwei Männer trauen sich im Laufe des Abends an den Zuckerguss, die anderen flüchten. Hinaus geht nicht, dort kommt man gerade her – also: hinein. Vorbei an einer Fee im blauen Kleid, die aus einem Vorhang aus weißen Schnüren Zöpfe flicht. Im Rang räkelt sich ein vermeintlicher Leopard auf der Brüstung, eine Frau traktiert die Welt mit Blumen, eine andere versucht bis zum Ende der sechsstündigen Performance auf einem Stuhl zu balancieren. Allesamt sind sie Studenten der serbischen Aktionskünstlerin Marina Abramovic . Die 23 Mitglieder der Independent Performance Group (IPG), 2003 von Abramovic gegründet, zeigen Performances, Installationen, Videoarbeiten. Dabei wird das gesamte HAU 1 genutzt: Eingangstreppe, Bühne und Hinterbühne, Zuschauerraum, Rang, die Foyers, Toiletten und Garderoben, überall wimmelt es von Darstellern und Publikum, bis nicht mehr klar ist, wer performt und wer zuschaut. So fällt der unplanmäßig nackte Besucher auch nicht weiter auf. Von der Bedingungslosigkeit und politischem Statement einer Abramovic ist wenig zu spüren, von Fantasie und Konsequenz für die eigene Sprache jedoch so manches. Annette Jahn

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben