Kultur : KURZ & KRITISCH

Richard Kropf

POP

Nichts Schöneres

als ein Anfang

Es ist immer ein besonderer Moment, eine Band kurz vor dem Durchbruch zu erleben. Madsen aus dem Wendland sind eine solche Band. Die vier Jungs um Sänger Sebastian Madsen erobern gerade mit ihrer ersten Single „Die Perfektion“ die Playlists und in wenigen Wochen wohl auch die Openair-Konzerte der Republik. Vorab aber schauen sie auf ihrer ersten Tour als Headliner in ein paar Clubs vorbei. Im Gepäck: deutscher Gitarrenrock, optimistisch, punkig, angesiedelt zwischen den Sportfreunden Stiller und den Beatsteaks. Das Publikum im Knaack rockt gewaltig mit, obgleich die wenigsten Songs bekannt sein dürften. Das vorab hoch gelobte Debütalbum „Madsen“ erscheint erst Ende des Monats: „Vielleicht ist das der Anfang/ Vielleicht ist das das Ende/Doch es gibt nichts Schlimmeres als ungewiss zu sein." Der Anfang einer steilen Karriere, das Ende von Gigs in engen, stickigen Clubs. Ziemlich gewiss.

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CHANSON

Nichts Traurigeres

als ein Ende

Besuche bei alten Menschen können Geduldsproben sein: Die schon hundertmal gehörten, umständlich erzählten Geschichten, die verstaubten Witzchen, der Rückzug aus einer tristen Gegend in die Vergangenheit, all das gilt es mit Nachsicht zu ertragen. Mit einem Bühnenalter von 80 Jahren hat auch Irmgard Knef Anspruch auf gnädige Behandlung: Denn in ihrem dritten Programm, Die letzte Mohikanerin (bis 9.6.), wird in der Bar jeder Vernunft schnell klar, dass mit ihr nicht mehr viel los ist. Äußerlich ist sie dieselbe geblieben: eine perfekte Mimikry der späten Hilde, getönte Brille unter obskuren Kopfbedeckungen, hölzernes Rhythmusgefühl und eckiges Englisch – doch scheint nach dem Ableben der Schwester auch Irmgard ihren Lebenssinn verloren zu haben. Die Geschichten, die sie mit unerschütterlicher Ruhe über ihren Club verkannter Schwestern erzählt, über Annett Gréco, Klara Leander und Else Werner, wirken schal. Als würde er das spüren, versucht Ulrich Michael Heissig, seiner berühmten Bühnenfigur ein Leben jenseits von Hilde einzuhauchen: Statt der Evergreens setzen neue Songs von Thomas Zaufke und Reiner Bielfeld den wichtigsten musikalischen Akzent, an die Stelle des Abarbeitens am Idol sind matte politische Sottisen getreten. Wirklich bösartig oder brillant wird diese Irmgard leider in keinem Moment. Und mit 80 ist es wohl zu spät, ein neues Leben anzufangen. Jörg Königsdorf

ARCHITEKTUR

Nichts Rätselhafteres

als ein Kreis

Die Überraschung gehört ebenso zur Kunst wie die Vertrautheit mit ihrer Sprache - wären Kunstwerke doch sonst langweilig und unverständlich. Daher zögert man einen Moment, ehe man die Architektur Galerie Berlin betritt (Ackerstr. 19, bis 4.6.). Dort, wo sonst in der gleißenden Helligkeit eines white cube das Verhältnis von Architektur und Kunst austariert wird, hängen nun im Dämmerlicht Stoffbahnen von einem Holzgestell. Der Wiener Architekt Adolf Krischanitz und der Textilkünstler Gilbert Bretterbauer haben einen doppelten Kreisraum entwickelt. Der äußere Kreis wird aus bunten Stoffstreifen gebildet, die auf jeden Windzug reagieren, der innere aus einem Vorhang aus durchscheinender weißer Kunstseide. Zwischen beiden Stoffkreisen verläuft ein schmaler Umgang, der lediglich an einer Stelle den Zugang in den innersten Zirkel freigibt. Dort stehen unter der Draht-Lichtskulptur Bretterbauers zwei Möbel von Krischanitz, deren geflochtene schwarze Liegeflächen auf die textile Umgebung antworten: eine Einladung, im Liegen über die Sprache der Architektur zu sinnieren, die archaische Kraft des Kreises und den Überraschungseffekt, wenn sich Wände aus Stoff bewegen. Jürgen Tietz

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POP

Nichts Schnelleres

als ein Breakbeat

Jemand hatte der Band Mei Tei Sho offenbar einen Bären aufgebunden. Um den Kontakt zum Publikum herzustellen, versuchte es Sänger Jean Gomis immer wieder mit denselben Brocken Deutsch. Nur: Keiner im Saal verstand, was „Eine Stute sein!“ heißen sollte. Das spielte auch keine Rolle. Sobald das gesprocheneWort dem gesungenen gewichen war, hatten die fünf Musiker aus Lyon das Publikum im Maschinenhaus der Kulturbrauerei in der Hand. Dubreggae, Afrobeat, Jazz, nordafrikanische und arabische Musik, Breakbeat und Rock sind die Grundpfeiler ihrer Klangästhetik. Die Band manövrierte durch dieses Referenzgeflecht mit entwaffnender Selbstverständlichkeit. Gomis beherrschte mit seinem seelenvollen Reggae-Feeling die Bühne, während Kostia Delauny und Jaques Ponthus an Gitarre und Saxophon mit ihrer Rhythmusgruppe agierten. Nach 70 Minuten andauernder Höhepunkte verließ die Band kaum erschöpft die Bühne, um kurz darauf für zwei Zugabenstrecken wieder aufzutauchen. Erst dann erschien dem Publikum die Wartezeit bis zur im Herbst versprochenen Rückkehr erträglich. Eric Mandel

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