Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Mythen

im Sommer

Mit jungenhaftem Laufschritt stürmt Vladimir Ashkenazy in die Philharmonie , doch bevor der ehemalige Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters vor seinen alten Weggefährten den Taktstock erheben kann, knuddelt ihn das Publikum mit seinem Applaus erst einmal gehörig durch. Ein guter Start, dem mit Alfred Schnittkes „(K)ein Sommernachtstraum“ allerdings keine Charmeoffensive folgt: Das Stück, eine durchaus witzige Mozart- und Schubert-Fälschung, begnügt sich nicht mit Namedropping, sondern beschwört die großen Vorbilder zugleich ganz osteuropäisch als mystische Kräfte. Mit kluger Zurückhaltung musiziert, stimmt das Stück auf Dmitri Schostakowitsch zweites Cellokonzert ein. Das beginnt vielversprechend: Lynn Harrells Cello spricht wie mit der Stimme eines von Erfahrung, dem Leben und etwas Whiskey gezeichneten Erzählers.

Begabt mit einer natürlichen Autorität, der man auch im Pianissimo folgt, und doch fähig zu ergreifenden lyrischen Ausbrüchen, wenn ihm die Erinnerung jäh eine schönen Melodie auf die Lippen zaubert. So ließe sich gut über das richtige Leben im Falschen philosophieren, doch leider lässt sich das Orchester nicht präzise genug auf seinen Gesprächspartner ein, selbst klare rhythmische Gegenakzente wie das „Njet“ der großen Trommel wirken nicht entschlossen genug, um die Erzählung zum Dialog werden zu lassen. Durchdachterer Ausgang des Abends sind die Miniaturen aus Maurice Ravels „Tobeau de Couperin“ und „Miroirs“. Besonders die Linien von Holzbläsern und Trompete wirken wie von Hokusai gezogen: unsentimantal, mit emotionaler Kraft, und wie die Holzschnitte des Japaners zugleich Raum für feine pastellene Kolorierungen lassend (am 29.Mai ist Ashkenazy ein weiteres Mal mit dem DSO zu erleben).

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KLASSIK

Eisblumen

im Mai

Die Temperaturen werden sommerlich, und was tun die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker im Kammermusiksaal ? Sie spielen „Neiges“, zu dem die finnische Komponistin Kaija Saariaho beim Anblick fallenden Schnees inspiriert wurde. Das virtouse Spiel der Zwölf lässt die aktuelle Jahreszeit allerdings schnell vergessen: Sanft setzen die Instrumente ein, die Bögen kratzen auf den Saiten, es entsteht eine frostige Welt, in der die langsamen Striche in den oberen Lagen wie Gesang verendender Tiere wirken. Regelrecht hören kann man auch das Wachsen der Eisblumen. Doch gibt es auch Hoffnung: Das Zupfen der Saiten klingt wie Tropfen von schmilzendem Eis. Die Alien-Atmosphäre passt zum filmischen Programm des Abends.

Christian Jost hat mit „Images und Shadows“ drei Themen aus Nino Rotas Musik zur Godfather-Trilogie variiert. Nach der Pause dann Filmmusik pur: Jerry Goldsmith, John Williams und natürlich Ennio Morricones Mundharmonika-Thema aus „Once Upon a Time in the West“ (Arrangement: Wilhelm Kaiser-Lindemann). Die Musiker legen sich voll ins Zeug, erweitern die Möglichkeiten des Cellos durch Tappsen und Fingerschnippen, fahren quietschend mit der Hand übers Holz. Das Publikum ist begeistert, erklatscht drei Zugaben – und doch macht gerade die Filmmusik auch die Begrenztheit des Projekts deutlich: Trotz hervorragende Interpretation wird die Wirkung des Originals nicht erreicht. Das verfeinerte Spiel der Zwölf ist bei klassischen Stücken oder Auftragskompositionen wie „Neige“ wohl besser aufgehoben. Udo Badelt

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