Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

MUSIKTHEATER

Paare,

Passanten

Sie hat das Zeug zur Nervensäge, diese Claire aus Tucholskys Rheinsberg mit ihrem „Nie nicht erlaubsu mir wen!“ und dem ewigen Pseudokleinmädchengezicke. Wenn Else Weil ihr tatsächlich ähnlich war, verwundert es wenig, dass der Schriftsteller erst acht Jahre zögerte, sie zu heiraten – und dass die Ehe dann nach drei Jahren in die Brüche ging. In der jüngsten Bühnenversion der Novelle, die jetzt am Carrousel Theater zu sehen ist (nur noch heute 11 und 18 Uhr), trifft Gina Durler den Clärchen-Tonfall sehr genau, während ihr Wölfchen Marko Bräutigam in seiner dandyhaften Art irgendwie an Hellmuth Karasek erinnert.

Manuel Schöbel, der scheidende Intendant des Kinder- und Jugendtheaters, hat den Stoff mit routinierter Hand dramatisiert und als Koproduktion mit der Musikakademie Rheinsberg herausgebracht: Zwei moderne Twens erwecken Tucholskys Liebende von 1911, die Paare durchleben parallel das Wochenende, wobei Elena Sommer-Freundt und Fernando Nicolas Pelliccioli vor allem tanzend kommunizieren (Choreografie: Anna Bergel). Klaus-Peter Fischer inszeniert sehr betulich, vier als Marmorstatuen verkleidete Musiker steuern zarte Klanggespinste des Komponisten Matthias Jann bei. Damit lesefaule Kids Tucholskys wunderbares „Bilderbuch für Verliebte“ überhaupt kennen lernen, geht das in Ordnung – alle anderen sind weiterhin mit dem Original besser bedient.

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POP

Geister,

Gitarren

Nach Erscheinen ihres hervorragenden ersten Albums „Natural History“, mussten I Am Kloot 2001 ihr Berlin-Debüt noch in einer Art Kinderzimmer absolvieren, vor einem Häuflein ahnungslos betrunkener Teenies. Mit der zweiten Platte zwei Jahre später hatte sich das Trio aus Manchester bereits genügend Fans erobert, um den kleinen MagnetClub aus den Nähten platzen zu lassen. Und jetzt, nach der Veröffentlichung von „Ghosts & Monsters“, wird es noch größer: Postbahnhof . Warum die Band allerdings nicht längst die ganz großen Hallen ausverkauft, bleibt ein Rätsel. Könnten sie es doch mühelos aufnehmen mit all den derzeit so hochgejubelten Zeitgenossen.

Ohrenbetäubende Ouvertüre vom Band, verzerrtes Grummeln und Beben. Bassist Peter Jobson und Drummer Andy Hargreaves setzen sich. Mit Kippe zwischen den Lippen beugen sie sich über die Instrumente. John Bramwell steht am rechten Bühnenrand, mit Gitarre und Modhaarschnitt. Seine Stimme klingt immer noch schön und krächzig. Ein bisschen nach John Lennon. Voller Gefühl, Leidenschaft, Energie. Seine Songs mit den betörenden Melodien handeln immer noch von Katastrophen mit Alkohol und Sex. „Do not stumble through tonight, have no fear of falling“ singt Johnny herzerweichend. Und scheppert heftige Akkorde aus der aufspringenden Faust. „Is this a storm warning?“ Und es läuft einem kalt den Rücken runter. 24 Songs in 90 Minuten. Irgendwann hat man sogar die mäßige Soundübertragung und die übermäßige Lautstärke vergessen. Über der Warschauer Straße hängt der dicke runde Mond ganz tief. H.P. Daniels

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KUNST

Bilder,

Beklemmungen

Dass wahre Künstler leiden müssen, um ihr Talent voll auszubilden, gehört zu den Topoi des 19. Jahrhunderts. Meist verhindern individuelle Armut und gesellschaftliche Repressionen die Entfaltung. Die 1899 in Dresden geborene Malerin und Zeichnerin Elfriede Lohse-Wächtler führte, ehe sie 1940 dem „Euthanasie“-Mordprogramm der Nazis zum Opfer fiel, ein schweres Leben. Vom Elternhaus verstoßen, vom Ehemann, dem Maler und Sänger Kurt Lohse, hintergangen und als Frau ohnehin eine Exotin, stellte sich bei der mit Felixmüller und Dix befreundeten Künstlerin schon früh „das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins“ ein. Seit 1930 musste sie sich wiederholt in Nervenheilanstalten behandeln lassen. Ärztliche Diagnose: Schizophrenie.

Ihre Briefe zeugen dagegen von bemerkenswerter Klarheit. Seit zehn Jahren wird Elfriede Lohse-Wächtlers schmales, zwischen expressionistischen und realistischen Tendenzen angesiedeltes Werk wiederentdeckt. Die Sächsische Landesvertretung macht nun anhand von 37 Arbeiten auf Papier – darunter fünf exzeptionellen Selbstporträts – die Probe aufs Exempel (Brüderstr.11/12, bis 3.6.). In Blättern wie der „Aufschreienden Gruppe“ (1931) verdichtet sich innere Not zu beklemmender Form. Man hätte ihr mehr Glück gewünscht. Michael Zajonz

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