Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Mit geschlossenen Augen

auf der Piazza

Es gibt Musik, die man mit geschlossenen Augen hören muss. Das „Rituel in memoriam Maderna“, von Pierre Boulez 1974 zum Gedenken an den italienischen Komponisten Bruno Maderna komponiert, gehört dazu. In acht Gruppen ist die Staatskapelle in der Philharmonie aufgeteilt. Wenn man David Robertson zusieht, wie er nach allen Seiten präzise Anweisungen ausstreut, lenkt das nur ab. Schließt man die Augen, meint man auf einer Piazza zu stehen, der sich von allen Seiten Trauerkapellen nähern. In der Mitte thront wie ein Sinnbild der Unentrinnbarkeit 14-fach massiertes Blech, von allen Seiten geben Schlagzeuger dem Geschehen mit wenigen Schlägen eine gespenstische Kontur. In jeder Sekunde des 30-minütigen Werks geben die Musiker der Staatskapelle den oft fragmentierten Klängen Profil. Ganz entspannt geht das Orchester dann Beethovens 4.Klavierkonzert an. Eine nicht ganz ungefährliche Strategie vor allem im Kopfsatz, der gelegentlich etwas wattig daherkommt. Nicht alle Übergänge gelingen schlüssig, den verschachtelten Bauplan des Stücks scheint Robertson nicht immer präsent zu haben. Dafür formt der erst 24-jährige Pianist Jonathan Biss im zweiten Satz Momente von wunderbarer Andacht. Wie von selbst schließt man wieder die Augen.

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PERFORMANCE

Auf Engelsschwingen

in die Kirche

Am Anfang steht der beschwörende, meditative Klang. Aber Rodion Shchedrins geistliches Werk, seine Liturgie für Chor, Solosänger und Flöte reißt sich irgendwann von der russischen Tradition los, stößt die Tür zur Moderne auf, gibt expressivem Stakkato-Gesang und stählernen Clustern das heilige Wort. Jüngstes Gericht, Verdammnis und Reue: Die ekstatischen Gebärden von fünf Tänzern verwandeln das Chorwerk in ein Drama – in der Parochialkirche findet erstmalig eine szenische Aufführung von Shchedrins 1988 entstandener Vesper „Der versiegelte Engel“ statt (weitere Aufführungen Samstag und Sonntag, 21 Uhr, Klosterstraße 67). Weil noch zu Perestroika-Zeiten das Religiöse in der Sowjetunion verpönt war, wählte der Komponist ein Motiv aus der russischen Literatur: In einer Erzählung von Nikolaj Leskov ist jener versiegelte Engel eine Ikone, die von der Staatsgewalt beschlagnahmt wird. An der religiösen Tiefe der Partitur lässt der Rundfunkchor Berlin , dirigiert von Stefan Parkman, allerdings keinen Zweifel. Bewegend, wie der Zwiegesang von Solosopran und -alt sich vom mystischen Hintergrund der Bässe abhebt. Lupenrein intonieren die Choristen das ungeheure fünffache Fortissimo auf den Text „und erlöse uns von dem Bösen“. Dass es dennoch keine Aufführung aus einem Guss wird, verantwortet die szenische Konzeption des Abends. Obwohl Shchedrin für seine Frau, die Bolschoi-Ballerina Maja Plissezkaja Bühnenmusiken schrieb, war „Der versiegelte Engel“ nie als Ballett vorgesehen. Während die Bewegungen des Chors in der kriegszerstörten Kirche klangästhetisch sinnvoll sind, wirkt sich das eher hyperaktive tänzerische Geschehen (Choreografie: Lars Scheibner) störend auf den Fluss der Musik aus. Shchedrins Liturgie als Gesamtkunstwerk? An diese Idee muss man schon fest, ganz fest glauben. Jens Hinrichsen

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TANZ

Auf wackligen Füßen

durch die Halle

Toula Limnaios zerrt ans Licht der Wahrheit, was an verborgen Regungen in den Körpern und Köpfen rumort. Die Wahrheit, auf die die Choreografin abzielt, liegt direkt unter der Hautoberfläche. So verfährt Toula Limnaios in ihren Tanzstücken wie ein Anatom. In „Short Stories“, das in der Halle zu sehen ist (Eberswalder Str. 10, bis 29. 5.), liegen die Körper der Tänzer schon mal ausgestreckt unter einer tief hängenden Lampe – bis die Choreografin ihre ersten Schnitte ansetzt. In einer sezierten Bewegungssprache werden fünf Personen, ihre Verstrickungen und Vereinzelungen analysiert. Der Wille, alle dunklen Seiten auszuleuchten, führt aber auch zur Blendung. So müssen die Tänzer immer wieder vor der pendelnden Lampe ausweichen, sie ducken sich in letzter Sekunde weg vor der nahenden Gefahr – in schlaglichtartigen Szenen erzählt Limnaios von Bedrohungen, die wie aus dem Nichts auftauchen. Ralf Ollertz an Bandoneon und Schlagwerk untermalt die Minidramen mit suggestiven Klängen. Vor allem die Duette werden schon mal zu regelrechten Zerreißproben. Da sieht man zwei, die immer mehr auseinander driften und doch nicht loskommen voneinander. Durch die unerbittliche Wiederholung erhalten die Bewegungen etwas Obsessives. Dieses Flirten mit dem Desaster ist manchmal zu absehbar, und doch entfaltet der Tanz eine ungemeine Sogkraft. Sandra Luzina

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