Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Freunde

fürs Leben

Nach zwölf Jahren hatten die australischen Songwriter Robert Forster und Grant McLennen ihre Band The Go-Betweens wieder aufleben lassen. In Berlin spielten sie an einem kalten Oktoberabend. Angenehmes Konzert, wenn auch die Studioaufnahmen des Albums „The Friends Of Rachel Worth“ besser klangen. Fünf Jahre später ist es umgekehrt. 35 Grad im Mai. Auf Forsters Hemd fliegen weiße Schwäne. Und durch den Columbiaclub fliegen dichte Klänge. Der makellose Sound einer kompakten Band. Grant McLennen dingelt auf einer Akustikgitarre, Forster dängelt auf der elektrischen. Der Reiz liegt in der Gegensätzlichkeit der beiden. McLennen ist der nette Kumpeltyp, seine Songs sind die weicheren, melodischeren. Forster ist kantiger, spielt immer noch gerne den Rockstar. Seine Songs sind eher an Velvet Underground geschult, mehr New York als an Liverpool. Drummer Glen Thompson bildet das solide rhythmische Rückgrat. In trefflicher Übereinstimmung mit Adele Pickvance, die bezaubernd mit dem Bass tanzt und kräftig knochige Klänge knuppert. Der Harmoniegesang ist eine wahre Freude. Im Konzert sind auch die neuen Songs ein ungemein größeres Vergnügen als auf dem etwas künstlich entrückt klingenden, neuen Album „Oceans Apart“.

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KUNST

Bizarre

Operationen

Seine Biografie liest sich wie ein Roman. Er wurde vor 75 Jahren in Rumänien geboren und besitzt einen Schweizer Pass. Den Vater, einen lutherischen Missionar jüdischer Abkunft, töteten 1942 rumänische Faschisten. Er war Tänzer und Regisseur, beschäftigte sich mit konkreter Poesie, erfand mit Marcel Duchamp und Yves Klein den „Nouveau Réalisme“ und eröffnete 1968, im Schicksalsjahr der Jugendbewegung, in Düsseldorf ein Restaurant. Vor wenigen Tagen wurde er im Schloss Gottorf in Schleswig als „Baumkünstler des Jahres“ gefeiert. Daniel Spoerri ist ein in der Toskana gestrandetes Urgestein, das unverdrossen seine „Fallenbilder“ und „Augenenttäuschungsbilder“ arrangiert. Das Jüdische Museum Rendsburg stellt nun – als Leihgabe des Hamburger Galeristen Thomas Levy – neuere Werke vor (bis 31. Juli, Katalog 14,80 €). Im Mittelpunkt stehen die „Anatomischen Kabinette“, in denen er medizinische Illustrationen des 19. Jahrhunderts mit falschen Perlen, echten Knochen oder chirurgischen Instrumenten kombiniert. Spoerris bizarrer Humor schließt die Schlachtfelder des 20. Jahrhunderts stets ein. Der Künstler selbst brachte es so auf den Punkt: „Kultur ist eine Obsession im Angesicht des Todes.“ Michael Zajonz

ROCK

Kirschblüten

des Todes

Bleich geschminkte Milchgesichter, toupierte Haare, Plateauschuhe, Kimonos, Schuluniformen, angeklebte Wimpern – Tausende dieser kleinen entflammten Lolitas hüpfen und kreischen, bis die letzten Sauerstoffatome die Columbiahalle verlassen haben. Wer ist der Born derartiger Glückseligkeit? Dir En Grey , eine Band aus Japan, die ihren ersten Auftritt außerhalb Asiens binnen 72 Stunden übers Internet ausverkauft hat. Seit sieben Jahren gehören sie zur Spitze des „Visual Kei“, der größten Rockbewegung in Japan, die fest in der Manga-Szene verwurzelt ist .

Dass Dir En Grey nie „real“ sein können, ist freilich der Clou an der Sache. Denn das Leben nach Comic-Vorlage ist ein buntes Leben, gerade wenn da ein paar Seiten durcheinander geraten sind. Im Mittelpunkt steht Sänger Kyo, der über die Bühne zappelt wie ein aufgeregter Krebs und das große Stöhnen unter die Mädchen bringt, wenn er seinen tätowierten Oberkörper zeigt. Dazu hören wir echte Jungs-Musik: fetten Groove-Metal, Hochgeschwindigkeits-Gebolze mit spannungsnotwendigen Bremseinlagen, saftige Gitarren-Brätlinge, die auch ins Fach der europäischen Funktionsharmonik wechseln, während Kyo von den Kirschblüten des Todes singt und seine überrissenen Stimmbänder vom gepressten Balladen-Schmelz zum Fauchen tasmanischer Teufel streckt. Die Sanitäter leisten Schwerstarbeit. Draußen warten besorgte Eltern im Blaulicht der Notarztwagen. Volker Lüke

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KLASSIK

Knallerbsen

des Lebens

So ist Japan: Die Hälfte der Kids lebt am liebsten in der wilden Comic-Welt der Mangas (siehe oben), die andere steht auf westliche Klassik. Yo Kosunge beispielsweise: Als Vierjährige nahm sie die Tokioter Musikhochschule auf, jetzt ist sie 22, hat einen Exklusivvertrag mit dem Plattenlabel Sony und reist als Virtuosin durch die Welt. Beim Berliner Sinfonie-Orchester scheitert sie im Konzerthaus allerdings an Mozarts Klavierkonzert KV 271: Dass sie im Finale den Faden verliert und lange braucht, um sich wieder zu fangen, fällt da weniger ins Gewicht als ihre Unsicherheit im langsamen Satz, wo die Solistin mit den Augen ständig am Dirigenten hängt, anstatt selber Tempo und Interpretationscharakter vorzugeben. Enttäuschend auch die Begegnung mit Yutaka Sado, der sich in Paris einen guten Ruf erarbeitet hat: Manches bei César Francks D–Moll- Sinfonie gelingt ihm durchaus mitreißend, und das BSO entwickelt auch bombastische Klangkraft – das Raffinement der Partitur freilich bleibt bei dieser Fortissimo-Überwältigungstaktik auf der Strecke. Frederik Hanssen

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