Kultur : KURZ & KRITISCH

Annette Jahn

THEATER

Erlösung im

Spiegelkabinett

Es ist, als sei die Zeit stehengeblieben. Über dem abgetretenen dunkelroten Linoleumboden erhebt sich ein prachtvoller Saal, die großen Spiegel teilweise blind, mit Einschusslöchern und Rissen, die Wände braun. Gut fünf Meter hoch sind die Decken im Ballhaus Mitte , das seit seinem Besitzerwechsel nicht mehr Clärchens Ballhaus heißen darf. Dafür steht der mit Stuck, einer alten Bar und Balkon ausgestattete Raum wieder für Veranstaltungen zur Verfügung, nachdem er seit 1942 nur noch als Abstellraum diente. Die „Neueröffnung“ wird mit einem extra für diesen Raum geschriebenen Theaterstück zelebriert. Ob der bessere Weg nun Erlösung oder Katharsis heißt - darüber streiten sich in Einfalt und Vielfalt drei historische Frauenfiguren jeweils mit Hilfe einer berühmten Geschichte: Hroswitha von Gandersheim, erste deutsche Dichterin aus dem 10. Jahrhundert (stark: Susanne Opitz), kämpft leidenschaftlich mit ihrer „Heiligen Agnes“ für das Konzept Erlösung. Henriette Vogel, Lebens- und Sterbensgefährtin von Heinrich von Kleist (zart: Chris Zambo), zitiert sein „Erdbeben von Chili“, und Helena von Sparta (überzeugend: Sabine Werner) berichtet vom blutigen Wiedersehen von Odysseus und Penelope. Alle drei Texte nehmen indirekt Bezug auf den Spiegelsaal. Warum Matthias Merkle und Antje Borchardt (Dramatisches Theater) allerdings das Begriffspaar „Erlösung oder Katharsis“ als Überbau gewählt haben, wird nicht klar: Es wirkt konstruiert und reichlich bemüht. Trotz guter schauspielerischer Leistung erwacht das Stück nicht zum Leben. Und doch: Der Spiegelsaal ist ein Erlebnis! (bis 22.Juni, jeden Di und Mi um 20.30 Uhr)

* * *

POP

Wir lassen uns

das Torkeln nicht verbieten

Tropische Temperaturen sind eher selten in Nordengland. Vielleicht hätten die famosen Maxïmo Park aus Newcastle upon Tyne an diesem Badewettersonntag sonst eine luftigere Garderobe gewählt als ihre beängstigend hochgeschlossenen Hemden mit Krawatten und Pullundern. Schon bevor die neuen Britpop-Helden im rappelvollen Magnet Club loslegen, klebt die Luft wie ein feuchtes Handtuch an der dichtgedrängten Zuschauermasse. Die tobt mit dem Intro von „Signal and Sign“ los, um erst nach dem letzten Verstärkerbratzeln erschöpft auseinander zu torkeln. Maxïmo Park spielen ihre hinreißenden, die Krisen des Erwachsenwerdens in euphorische Songs transzendierenden Postpunk-Hymnen mit Präzision und Leidenschaft. Duncan Lloyds minimalistische Gitarrenlicks, der stoisch melodische Bass von Archis Tiku, Lukas Woollers manische Synthie-Splitter und die uhrwerkartigen Drums von Tom English treiben den Sound ruhelos voran. Aber im Zentrum der Band steht Sänger Paul Smith. Der gibt eckig tanzend, wild gestikulierend und augenrollend den Bühnen-Madman in der Tradition von David Byrne. Alles nur Show, eigentlich ist er britischer Gentleman, der jedes Stück charmant anmoderiert. Und was für großartige Songs das sind: Bei den Hits wie „Apply some Pressure“, „I want you to stay“ oder der neuen Single „Graffiti“ gibt es kein Halten. Während der Zugabe scheint die Band vor dem Kollaps zu stehen, aber nach dieser schweißtreibendsten Dreiviertelstunde des Berliner Konzertfrühlings braucht sowieso jeder erstmal einen Satz trockene Klamotten. Jörg Wunder

* * *

FOTOGRAFIE

Eleganz des

schiefen Blicks

Kleider sollten bei den Nazis nicht mehr mondän sein. Und schon gar nicht sexy. Vielleicht fotografierte der Berliner Fotograf Imre von Santho sein Badeanzug-Modell deshalb aus der Froschperspektive. So wurde das Mädchen ins Monumentale übersteigert. Wie sich die Berliner Modefotografie vom nationalsozialistischen Gleichschaltungswahn beeinflussen ließ, will die Ausstellung der Staatlichen Museen Berliner Modefotografie – Die Dreißiger Jahre in der Kunstbibliothek zeigen (Matthäikirchplatz 6, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa und So 11-18 Uhr, bis 24. Juli) zeigen. Die etwa Hundert Vintage-Prints von elf Berliner Fotografen, darunter viele Vertreterinnen wie Lilli Niebuhr, Sonja Georgi und Yva, stammen aus der Lipperheideschen Kostümbibliothek, in der seit über 100 Jahren alles über Mode gesammelt wird. Eine Entwicklung sollen die ausgestellten Bilder dennoch nicht zeigen, wobei in manch vitalem Frauentyp und der zunehmend biederen Mode durchaus nationalsozialistische Einflüsse sichtbar werden. Als interessanter erweisen sich dagegen die Werkgruppen. Die bildgestalterischen Mittel der Dreißigerjahre waren vielfältig: Freiluftfotografie mit natürlicheren Emotionen, Studioaufnahmen im neoklassizistischen Stil, experimentelle Lichteffekte. Für das neue Sehen charakteristische Merkmale, wie die Wiedergabe von Oberflächenstrukturen oder extreme Bildausschnitte, tauchen in den ausgewählten Prints dagegen kaum auf. So bleibt die Ausstellung mehr Bilderschau, als dass sie den gestalterischen Zwängen und Freiheitsgraden der Modefotografie gründlich nachspürte. Birgit Rieger

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben