Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Aber bitte

mit Schmackes!

Er macht gleich mächtig Dampf: Mit weit ausholenden Armbewegungen kurbelt Antonio Pappano die Streicher der Berliner Philharmoniker an wie ein Filmvorführer seinen Apparat. Und mit dem ersten Ton von Béla Bartóks Divertimento sind auch schon die Bilder da, ungarische Steppe in Cinemascope, Volkstanzrhythmen in Technicolor. Der Anglo-Italiener und Chef von Londons Covent Garden Opera ist ein Mann für große Gefühle vor schillernden Panoramen: Egal, was er dirigiert, ein guter Schuss Puccini ist immer dabei. Auch bei Bartók, dem das erstaunlich gut bekommt: Sicher, man kann diese Musik spröder, kantiger, moderner dirigieren, und Pappanos ungewöhnlich große Besetzung geht in der Philharmonie zwangsläufig ein bisschen auf Kosten der Präzision. Doch wen stört das schon, bei so viel elektrisierender Vitalität in den Ecksätzen und einem derart atmosphärischen, seelenvollen Streichersound?

Bei den übrigen Stücken des klug ausgesuchten Programms stellt sich die Frage nach Interpretationsalternativen erst gar nicht. Rachmaninows zweites Klavierkonzert ist ohnehin großes Gefühlskino: wohl eher zweitklassige Musik, aber erstklassig gespielt. Mit ihren zart schmelzenden Bläsersoli machen die Philharmoniker den blass agierenden Pianisten Leif Ove Andsnes zum Nebendarsteller. Auch Arthur Honeggers „Sinfonie liturgique“ setzt beherzt auf die plakativen Effekte, kreuzt Bombast mit Sentiment, Schostakowitsch á la française, nur ohne Sarkasmus und Seelenpein. Aber mit einem Finale, das wie der Schluss einer wunderbaren französischen Filmschnulze klingt: schluchzendes Cello, dann eine lakonische Piccoloflöte, wie ein sich entfernendes Pfeifen auf nächtlicher Straße. Adieu, mon amour – und Abspann. (noch einmal heute, 20 Uhr)

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MUSICAL

Einsamkeit

ist auch keine Lösung

Der Vorhang bleibt zu im Hansa Theater, stattdessen hat Regisseur Thomas Grandoch eine Ersatzbühne im Parkett montiert. Etwas verloren wirkt diese Konstruktion im weiten Saal, zumal nicht mehr viele Zuschauer an den verbliebenen Tischchen Platz nehmen können. Aber sie liefert zugleich die perfekte Kulisse zum Musical Heirate mich ein bisschen (Alt-Moabit 48, wieder am 9. – 12.6.), geht es hier doch um die Einsamkeit des Großstadtmenschen: Er (Wolfgang Höltzel) und Sie (Patricia Schwab), beide Singles, verleben den Samstag in ihren (Berliner?) Wohnungen. Und was geht einem so durch den Kopf, wenn man alleine ist? Der hässliche Hinterhof, Erinnerungen an den letzten Sommer, und immer wieder: Träume von der einen, ganz großen Liebe.

Obwohl sie in Wirklichkeit eine Wand trennt, lässt Grandoch die beiden auf der Bühne nebeneinander agieren, singen sie im Grunde die ganze Zeit doch nur voneinander. Das Musical entstand 1980 aus Songs, die der Komponist Stephen Sondheim für seine erfolgreichen Broadway-Produktionen „Company“ und „Follies“ geschrieben, aber nicht verwendet hatte. Ein Abfallprodukt, wenn man so will. Eine stringente Handlung ist nicht erkennbar, aber das macht nichts, denn die Lieder sind viel zu schön zum Wegwerfen. Höltzel (mit der Erfahrung des ausgebildeten Opernsängers) und Schwab (mit dunkel grundierter, voll tönender Stimme und herrlichem Mienenspiel) lohnen den Weg nach Moabit auf jeden Fall. Auch in der nächsten Saison, denn das Hansa Theater, das sich ohne Subventionen durchschlägt, plant eine feste Reihe für Kammermusicals. Udo Badelt

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ARCHITEKTUR

Junge, kommt

bald wieder!

Junge deutsche Architekten, so soll Mahnmals-Architekt Peter Eisenman bei seinem letzen Berlin-Aufenthalt gesagt haben, seien die besten der Welt, solange sie nach dem Studium im Ausland arbeiten könnten. Doch sobald sie zurückkehrten, würden sie plötzlich „mutlos, risikoscheu, langweilig“. Der Journalist Heinrich Wefing, der die diesjährige Verleihung des Taut-Preises im Bundeskanzleramt moderiert, erzählt die EisenmanAnekdote nicht von ungefähr: Der nach den Brüdern Bruno und Max Taut benannte Architekturpreis wird in diesem Jahr zum fünften Mal an die Verfasser der besten an deutschen Architekturfakultäten eingereichten Abschlussarbeiten verliehen. Neben drei Diplomarbeiten konnten Kulturstaatsministerin Christina Weiss und der Präsident der Bundesarchitektenkammer, Arno Sighart Schmid, erstmals auch eine Masterarbeit auszeichnen (zu besichtigen bis 17. Juni nach Anmeldung unter Tel. 030/2639440 in der Berliner BAK-Geschäftsstelle, Askanischer Platz 4). Als Preis winkt ein einjähriges Reisestipendium, um Berufserfahrungen zu sammeln – und den noch immer soliden Ruf deutscher Bau- und Ausbildungskultur in alle Welt zu tragen.

An Talenten und Ideen herrscht kein Mangel; das beweisen auch die Preisträger Dennis Hawner, Holger Hoffmann, Kirstin Schätzel und Bernd Schnoklake. Doch solange junge Architekten, Juristen oder Geisteswissenschaftler gezwungen sind, als Praktika getarnte unbezahlte Stellen anzunehmen, um überhaupt arbeiten zu können, wird das Motto dieses Abends aktuell bleiben: „Bitte kommen Sie nach Deutschland zurück!“ Michael Zajonz

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