Kultur : KURZ & KRITISCH

Swantje Dake

FILM

Entwicklungshilfe

für Afghanistans Polizei

Manchmal braucht es nicht viel, um eine Bewegung in Gang zu setzen. Saba Sahar brauchte 9000 US-Dollar und einen 90-minütigen Film, den sie am Freitag im Berliner Kino Arsenal vorstellte. Sie ist Polizistin – afghanische Polizistin –, Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin. Im vergangenen Jahr drehte die 31-Jährige ihr Debüt „Qanoon“, zu deutsch Das Gesetz . Der Film löste in Afghanistan einen Ansturm von weiblichen Bewerbern für die Polizistenausbildung aus. Saba Sahar, die selbst die Hauptrolle spielt, erzählt von einer jungen Polizeibeamtin in Kabul; Drogenhandel, Kindesentführung, Alkoholismus und Gewalt gegen Frauen bestimmen den Alltag. Sahar lässt ihre Figuren mit Kung-Fu-Kampftechniken durch die Luft wirbeln, inszeniert wilde Verfolgungsjagden mit ausgemusterten deutschen Polizeibussen und vertont Szenen mit greller Technomusik sowie traditioneller afghanischer Musik: Bollywood trifft auf Actionfilm. Es geht nicht um Dokumentation, sondern um Aufklärung, Ermutigung und Unterhaltung. Eine Woche lang war „Das Gesetz“ in einem Kabuler Kino zu sehen. „Das war ungewöhnlich, denn dort laufen sonst nur indische und amerikanische Filme“, erzählt die Regisseurin in Berlin – der Film wurde hier erstmals in Deutschland gezeigt. In Afghanistan wurde er ein Erfolg, Männer schickten ihre Frauen nach Jahren wieder ins Kino, vier Fernsehsender strahlten ihn aus. „Viele Mädchen fragen mich, wie sie Polizistin werden können. Andere Frauen fühlen sich ermutigt, wieder in ihren Beruf einzusteigen“, so Sahar. Ihr Budget erhielt sie von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Ein sinnvoller Beitrag zur Entwicklungsarbeit: „Wir haben lange überlegt, wie wir weibliche Kadetten rekrutieren“, erläutert Irene Maria Plank vom Auswärtigen Amt. In ihrem nächsten Film will Sahar vom mafiösen Rauschgifthandel im ländlichen Afghanistan erzählen.

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POP

Die Schönheit

schwimmender Schwäne

Zu Beginn sitzt ein kleiner Kloß im Hals: Als Vic Chesnutt im Rollstuhl auf die Bühne des Mudd Clubs gehoben wird, ist es schwer, nicht von der Zerbrechlichkeit des schmalen Songwriters aus Georgia berührt zu sein. Doch Chesnutt verscheucht jeden Anflug von Beklommenheit mit „Rambunctious Cloud“, einer surrealen Elegie über den ewigen Kreislauf des Wassers. Das Stück stammt wie das folgende hinreißende Liebeslied „Virginia“ vom neuen Album „Ghetto Bells“. Leider ist Vic Chesnutt kein Star, der sich Edelbegleiter wie Van Dyke Parks oder Bill Frisell auch auf Tour leisten könnte. So ist es ein kleines Wunder, wie er die ausgefeilten Arrangements der Platte im Konzert durch reine Intensität vergessen lässt. Unterstützt von seiner Frau Tina an den Drums und seiner Nichte Liz Durrett am Bass, entreißt Chesnutt der Akustikgitarre mit streichholzdünnen Ärmchen karge Akkorde, auch mal ein kurzes, Fuzz-verzerrtes Solo.

Das Ereignis aber ist seine Stimme: Die Töne wirken wie durch einen Trichter gepresst, dennoch kraftvoll, manchmal wie vom Schmerz überwältigt, dann wieder klar und strahlend. Chesnutts Balladen sind tief melancholisch, aber nie hoffnungslos, oft von grimmigem Humor durchdrungen. Er singt von einem Fan, der ein Autogramm auf den I-Pod möchte, vom römischen Imperium („Little Caesar“), gescheiterten Zirkusartisten („Ignorant People“), der Schönheit schwimmender Schwäne („2nd Floor“). Nach 90 Gänsehautminuten ist Chesnutt mit seiner Kraft am Ende. Das Publikum, glücklich erschöpft, dankt mit langem Applaus. Jörg Wunder

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KLASSIK

Ein Bogen

leuchtender Edelsteine

In vielen Volksliedern wimmelt es nur so von zerbrochenen Mühlrädern, unglücklich Liebenden und ewig rauschenden Bächen. Mitunter kann ein einziges dieser Lieder in wenigen Minuten den ganzen Emotionsreichtum aufzeigen, für den Schubert eine knappe Stunde braucht. In Benjamin Brittens Arrangements französischer Volkslieder etwa, die Magdalena Kožená im Kammermusiksaal mit herzerwärmender Einfachheit sang. Diese vermeintliche Naivität ist Resultat höchster Kunstfertigkeit, mit der sie jede Nuance ziseliert. Die mährische Mezzosopranistin poliert nicht bloß jeden Konsonanten einzeln, sondern singt die großen Bögen, setzt so die kleinen Edelsteine wieder zu einem Ganzen zusammen. Malcolm Martineau ist sicher der beste denkbare Begleiter. Weit mehr als Stichwortgeber, konturiert er auch die kleinteiligen Lieder rhythmisch und harmonisch, gibt den melancholischen Kompositionen beeindruckende Tiefe. Das gelingt beiden in den „Neuen Miniaturen“ von Bohuslav Martinu ebenso grandios wie in Dvoráks Liedern „Im Volkston“. Dagegen geht das Konzept nicht ganz auf, Maurice Ravels Lieder des „Don Quichotte an Dulcinea“ als Erinnerung der Dulzinea zu sehen. Diese drei Lieder sind zu sehr an einen männlichen Erzähler gebunden. Eine entschiedenere Gesangslinie hätte auch Ravels Mallarmé-Vertonungen gut getan, so entfalten die geheimnisvollen Kompositionen nur einen Teil ihres Zaubers. Mussorgskys Blick in die „Kinderstube“ garantiert mit der gespielten Einfachheit zum Schluss einen Publikumserfolg. Uwe Friedrich

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