Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Aus tiefem

Herzensgrunde

Wo die Angst sitzt, da geht’s lang: Der Bürde der kammermusikalischen Tradition entledigt man sich am besten, indem man sich mitten hineinbegibt, scheint Jörg Widmann, immer noch Shooting- Star der jungen Komponisten-Szene, zu denken. Für sein vor Jahresfrist uraufgeführtes Oktett, im Kammermusiksaal der Philharmonie mustergültig interpretiert vom Scharoun-Ensemble , stand Franz Schuberts berühmtes Werk für die gleiche Besetzung Pate.

So entsteht ein intelligentes Spiel mit romantischen Tonfällen und ihren Umformungen ins neuartig Klingende: Verirrungen auf vertrautem Terrain. Wenn die pathetischen Unisono-Gesten des Anfangs klagend zusammenfallen, der Jagdgesang des Horns im Menuetto zum fahlen Röcheln über hart gerissenen Kontrabass-Saiten erstirbt, dann „schauert’s im Herzensgrunde“ und die Idylle wird zeitgemäß demontiert. Doch stärker berührt der fragmentarische Dialog karger Einzelstimmen im „Lied ohne Worte“, der ohne solche Verwirrspiele auskommt.

Worum hier eigentlich getrauert wird, zeigt das übrige Programm: Mozarts Hornquintett KV 407 ist von unerreichbarer Harmonie, wenn auch zumal von Stefan Jezierski in verwickelten Passagen noch etwas hastig angegangen. Dafür prunkt der Hornist in Beethovens Septett op. 20 mit virtuosen, lupenreinen Dreiklangsbrechungen. Insgesamt wird hier mit einer Wärme und Noblesse musiziert, die auch in der langen Interpretationsgeschichte philharmonischer Solisten ihresgleichen sucht. Schlanker, pointierter und geschliffener sind Klang und Artikulation, von bezwingend jugendlicher Ausstrahlung. Und vor allem Wolfram Brandls innig-süße Violinkantilenen erzählen von einer ungebrochenen Liebenswürdigkeit, die wie Beethovens Kompositionskunst immer mehr dem Reich der Utopie zugehört.

POP

Kaffeefahrt mit

Bumm-Tschak-Bumm

Elektronik–Mann, du kannst jede Menge Geräusche machen, mit wenig Personal. Der Norweger Kim Hiorthoy kippt nervös bratzende Rhythmen in den Saal und drückt seine eigene Begeisterung darüber mit einem ekstatischen Gehopse aus: ein Vollbart auf Acid als Vorprogramm eines Konzertabends, der zwei Musiker zusammenbringt, die bereits im letzten Jahr in der Volksbühne auftreten sollten und wegen Erkrankungen absagen mussten: David Grubbs , der intellektuelle Postrock-Pionier aus New York und Michaela Melian aus der Nähe von München, die seit über zwanzig Jahren als Sängerin und Bassistin der Neo-Krautrock-Band F.S.K. für das gute Gewissen der deutschen Indie-Szene sorgt.

Zusammen mit ihrem F.S.K.-Kollegen Carl Oesterhelt groovt Melian durch die verträumten House-Instrumentals von ihrem Solo-Debüt „Baden-Baden“. Deutsche Romantik, die seltsame Utopien entwirft und an die hypnotischen Bumm-Tschak-Kaffeefahrten von Kraftwerk oder Michael Rother erinnert, umgesetzt mit Cello, Gitarre, Melodica, Glockenspiel und Violine. Zum Höhepunkt wird aber ihre monumental-minimalistische Version von „A Song For Europe“ von Roxy Music, bei der „die Frau mit Stiel“ (Justus Köhncke) in Referenz an Velvet Underground & Nico mit berückender Eleganz den Text ausbreitet.

Anschließend präsentiert sich Grubbs als moderner Barde, der es nicht mehr nötig hat, die Bühne mit wütendem Akkordgedonner zu erobern. Angelehnt an John Fahey und Mayo Thompson glänzt er auf seiner halbakustischen Gitarre mit Fingerpicking und lässt sich dabei von Niko Veliotis am Cello begleiten. Wunderbare Musik zwischen Melancholie, Poesie und einem gehörigen Flair großstädtischer Entfremdungsgeste, als Zeugnis davon, wie schön Rock klingen kann, wenn man ihn zu kammermusikalischem Folk umschreibt. Volker Lüke

LITERATUR

Bei Nobelpreisträger

privat

Imre Kertész ist es geglückt, seine Erfahrungen in Auschwitz und im ungarischen Stalinismus in Weltliteratur zu verwandeln. Die Bücher des Nobelpreisträgers erzählen, wie er in das „wahre Gesicht dieses schrecklichen Jahrhunderts, in die Augen des Gorgonenhauptes geblickt“ hat, wie er dabei zu Stein wurde – und doch weiter existierte. Imre Kertész hat zahllose Interviews gegeben und es stets vermocht, offenherzig über seine Haltung zum Leben und diskret über sein Leben zu sprechen. Nun hat er der Schweizer Kulturzeitschrift DU ein, zwei seiner gut gehüteten Schubladen geöffnet.

In dem ihm gewidmeten Juni-Heft (DU. Zeitschrift für Kultur. Nr. 757. 12 Euro) sind erstmals Privatfotos zu sehen, die ihn mit Mutter und Vater, Freunden und Ehefrauen zeigen. Dazu kommen mehrere bisher ungedruckte Texte: zwei Erzählungen und ein Essay über sein Verhältnis zu Deutschland und den „bewohnbaren Ort“ Berlin, wo Kertész sich lieber als in Budapest aufhält. Sein Freund György Spiró erzählt, wie der epochale „Roman eines Schicksallosen“ 1975 verkannt wurde. Ilma Rakusa freut sich über das illusionslose Lachen des ungemein freundlichen Menschen. Und Laszlo Földényi legt den Grundstock für ein Wörterbuch zu Kertész, zehn Einträge von „Auschwitz“ bis „Zeugnis-Geben“, die ganze Stapel von Aufsätzen ersetzen, weil sie nur einen Gedanken umkreisen: dass Kertész das Ich abhanden kam, jedoch nicht das Bewusstsein zu existieren.

Im Zentrum aber steht ein langes, sehr gehaltvolles Gespräch, das der Lektor und Literaturwissenschaftler Zoltán Hafner mit Kertész führte. Der Schriftsteller hat das „Dossier K.“, das in voller Länge im Herbst bei Rowohlt erscheinen wird, literarisch bearbeitet, und genau so ist das ganze DU-Heft zu lesen: Imre Kertész gewährt in ihm den bislang freizügigsten Einblick in sein „anekdotisches“ Leben. Jörg Plath

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