Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Rot und

Nachtblau

Ein Hauch nur. Ein Aufschimmern von Farbe, ein Verströmen der Formen. In der Kunst des Aquarells verbinden sich minutiöse Vorbereitung und intuitive, beiläufige Ausführung. Dass ausgerechnet der meist vor Energie berstende Simon Rattle auch zum Meister des drucklosen Pinselstrichs avancieren kann, hätte kaum jemand erwartet. So lauscht man seinen Philharmonikern ungläubig staunend: Bei Claude Debussys Tänzen für Harfe und Streicher tuschen sie ein lasierendes Blaugrau in den Raum, ein beinahe körperloses Etwas, das den Hörer mit der Magie einer absichtslosen Berührung streift. Darüber glänzt verführerisch die Harfe von Marie-Pierre Langlament. Ihre wärmenden Strahlen erreichen auch noch Ravels G-Dur-Klavierkonzert, das Rattle selbst in den rhythmisch pointierten Ecksätzen wie ein sommerlicher Flaneur genießt. Die Füße der Musiker wippen, Mitsuko Uchida lässt ein Stück Regenbogen auf den Tasten tanzen.

Mit feiner Strichstärke setzt Rattle seine ersten Akzente in Schuberts 8. Symphonie. Umkreist die Klangflächen, die als Lichter stehen bleiben sollen, bevor er die Farben ein immer stärkeres Eigenleben entwickeln lässt. Bald strömen Rot und Nachtblau so apokalyptisch ineinander wie auf den Aquarellen von Emil Nolde. Schmerz, Stillstand – und eine bewegende Rückkehr zum Tageslicht. So groß wie an diesem Abend hat man die „Große C-Dur“ noch nie von Rattle gehört (noch einmal heute, 20 Uhr).

* * *

KLASSIK

Spuren

einer Oper

Als Komponist lebt es sich zuweilen gut ohne Diplome. So hat der 1958 in München geborene, in Berlin ansässige Michael Hirsch zwar die Universität der Künste besucht und sich dort kompositorisches Handwerkszeug angeeignet, einen Abschluss machte er aber nie. Vielleicht ist es seine Neigung zu grenzüberschreitenden Kunstformen, die Hirsch zum Akademischen auf Distanz gehen ließ. Er ist auch als Schauspieler und Regisseur tätig, sein kompositorischer Schwerpunkt liegt nicht zufällig im Bereich Musiktheater. Im Plenarsaal des Neubaus der Akademie der Künste kann man das nur ahnen, wenn zur Verleihung des Busoni-Kompositionspreises an Hirsch zwei seiner Werke uraufgeführt werden. Eine große Sache macht die Akademie daraus nicht; zur launigen Laudatio von Friedrich Schenker spielt das Modern Art Sextet Hirschs „Spuren einer Oper“ für Quartett und Zuspielband und „Symposion“, ebenfalls eine Opern-Auskopplung. Umrankt werden die Werke von zwei Stücken Busonis und einem Ausschnitt aus dem Kammermusik-Zyklus „ex cusa“ des Förderpreisträgers Philipp Blume. Wenn die Akademie den weder akustisch noch atmosphärisch sonderlich attraktiven Plenarsaal als Musikort etablieren will, muss sie sich etwas mehr einfallen lassen. Ulrich Pollmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben