Kultur : KURZ & KRITISCH

Swantje Dake

THEATER

Wo der Döner erfunden wurde –

und das Kräuterbonbon

Murat ist ein Mann der klaren Worte: „Ich bin der Held in diesem Stück, Alter.“ Solche Ansagen verstehen selbst der fiese Sheriff Blackhand und sein dümmlicher Gehilfe Todd. Die beiden müssen einsehen: Murat ist die schnellste Hand von hier bis Ankara. Mit „hier“ ist Wedding gemeint. Die Westernkomödie „Im wilden Wedding“ ist die aktuelle Produktion des Prime Time Theaters (Osloer Straße 16, 11.–14., 17.–21., 24.–28. 6., jeweils 20.15 Uhr). Das Theater zieht Fernsehformate auf die kleine Bühne. Diesmal: die Westernsoap.

Eine Schwingtür aus Sperrholz markiert den Saloon-Eingang, in dem Wirt Ahmed (Alex Ther) Ayran statt Whiskey ausschenkt. Das schmucke Cowgirl Alida (Constanze Behrends) schwankt zwischen türkischem Akzent und Berliner Mundart. „Heiliges Wasser aus’m Gesundbrunnen? Krass!“, und Held Murat (Oliver Tautorat) reitet ein GTI – ein großes, türkisches Indianerpony.

Ereignisse aus dem Kiez und dem Weltgeschehen werden zum anekdotenreichen Türkalo-Western verarbeitet. Fehlende Requisiten wie Flaschen, Bilderrahmen oder Fenster sind an die Wand gepinselt. So gering das Budget, so groß die Spielfreude der Prime-Theater-Mannschaft. Gelungen die kurze Persiflage auf schlecht synchronisierte Dauerwerbesendungen mit dem schwulen, Schwyzerdütsch nuschelnden Eisenbahnchef (Peter Denlo) und der sächsischen Hexe (Constanze Behrends). Lehrreich auch die Entstehungsgeschichten von Döner und Ricola-Kräuterbonbons: Beide wurden am gleichen Tag erfunden – im wilden Wedding.

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THEATER

Das Leben ist ein Kampf

– und die Liebe erst recht

Zur Waffe wird die Sprache. Tilman Köhler lässt in seiner Inszenierung von Kleists Tragödie „Penthesilea“ am Studiotheater die Spieler, Studenten der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, allein mit ihren Körpern gegeneinander antreten – und mit dem Text. Das Papier, gerollt, auseinander fallend, wieder aufgelesen und in Händen und Fäusten zusammengeballt, ersetzt das Kriegsgerät. Jeder Kämpfer im großen Krieg der Amazonen und Griechen um Troja bleibt unbewaffnet, verwiesen auf die eigene Kraft – und die Fähigkeit, mit dem Gefühlssturm einer Verssprache fertig zu werden. Aus dem Chor heraus, gestützt auf stampfende Rhythmen, entfesselt sich der orgiastische Rausch einer Liebesschlacht als himmelsstürmender Versuch, gegen das Gebot der Gemeinschaften eine freie, stolze Beziehung zwischen Mann und Frau durchzusetzen.

Die fünf Schauspielerinnen und vier Schauspieler zwingen dieses triebhaft träumerische und ethisch tief gegründete Verlangen der Penthesilea und des Achill in atemverschlagende Kampfszenen. Die Bühne mit dem ansteigenden, metallbeschlagenen Keil auf kreisrundem schwarzen Bodenbelag (Karoly Risz) nimmt die taumelnden Bewegungen auf. Sie ist zugleich, im abgeblendetem Licht, ein geschützter Ort für die Momente der Stille und der Verzweiflung. Dann kommt den Spielern immer wieder das Papier mit dem Text in die Hände – was jetzt, was verlangt Kleist? Diese Spannung zwischen Ratlosigkeit und Aggressivität macht den Reiz der Inszenierung aus. Antje Trautmann (Penthesilea) und Matthias Reichwald (Achill) holen geballte Kraft in ihre Figuren, als Erste unter Gleichen geben sie der Aufführung Temperament und Feuer. Christoph Funke

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KLASSIK

Wie man schmeicheln

und fetzen kann – und begeistern

Zum Saisonabschluss geht Spectrum-Concerts, das junge Ensemble um den rührigen Cellisten Frank S. Dodge, noch einmal so richtig in die Vollen: Mit Werken verschiedenster Besetzung wird das ganze Spannungsfeld der Kammermusik vom einsam musizierenden Individuum bis zum Auftrumpfen orchestraler Möglichkeiten beleuchtet. Am verblüffendsten wirkt das im Duo für Violine und Violoncello von Erwin Schulhoff: Janine und Maarten Jansen können sich in diesem Werk einer folkloristischen Versöhnung von Expressionismus und Neoklassizismus ebenso in linear ausgesparten Dialogen umschmeicheln wie in fetzigen Rhythmen einander den virtuosen Rang streitig machen. Vor allem der Ton der Geigerin ist hier von berückendem Nuancenreichtum. Janine Jansen ist auch der Motor einer hinreißenden Interpretation von Mendelssohns Streichquintett op. 87: So leidenschaftlich, so klangintensiv und farbgesättigt, so dem Vorurteil fader Harmlosigkeit entrissen hat man diese Musik wohl kaum je gehört. Begeisterte und begeisternde Spielfreude entfacht auch nach Tschaikowskys Sextett „Souvenir de Florence“ die Bravorufe im Kammermusiksaal: Diese Explosion jugendlicher Energie übersteigt noch die technische Perfektion sämtlicher Spieler, unter denen sich der Cellist Christian Poltéra und Hartmut Rohde an der Viola tonschön hervortun. Isabel Herzfeld

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