Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Die Königin und

ihre Musen-Männer

Das venezianische Mosaik im Altarraum funkelt vor Italiensehnsucht, während sich auf das Dach der Friedenskirche im Park von Sanssouci prasselnd der Regen ergießt. Unter einem dramatischen Himmel feiert das Eröffnungskonzert der Musikfestspiele Potsdam in Sanssouci zugleich den 15. Geburtstag des Festivals, das Sanssouci jeden Juni die Aura eines Musenhofs schenkt. Geistige Patronin der Saison ist Königin Sophie Charlotte, die 1705 jung verstarb und deren Name in Charlottenburg verewigt wurde. Sie wirkte in Preußen als Künstlerin, Muse und Mäzenin. Komponisten wie Attilio Ariosti und Giovanni Battista Bononcini kamen an ihren Hof und schenkten dem bis dato kargen Brandenburger Musikleben erste Blüten. Ihre Werke spielt das klangvolle Ensemble 415 unter Chiara Banchini auf Originalinstrumenten – gerahmt von Kompositionen des erbitterten Londoner Bononcini-Rivalen Händel. Ein Wettstreit, der eher festlich gefasst, denn leidenschaftlich ausgetragen wird. Bononcinis Arie „Vasto mar“ aber findet zielsicher ihren Weg zum Herzen, dank der berührenden Sopranistin Veronica Cangemi. Sanft pulst die Musik, innig erhebt sich die Klage – und die Sterne an der Holzdecke des Friedenskirche beginnen zu funkeln. Bis zum 26. Juni setzt das Festival seine Rendezvous mit „frau musica“ fort (Infos: www.musikfestspiele-potsdam.de).

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POP

Sirenen ohne

Odysseus

Scarlet O. quetscht ein kleines weißes Akkordeon und singt ein Matrosenlied auf Deutsch, alte Ost-Schule, bisschen operettenhaft. Jede darf zwei Lieder, dann kommt die nächste: Jenny Weisgerber, junges Talent, angenehme Stimme, gute Songs – Joni-Mitchell-Schule. K.C. McKanzie orientiert sich an Gillian Welch, im roten 50er-Jahre-Kleidchen, Pony und Pferdeschwanz zu Apalachischer Prenzlauer-Bergmusik. Wir sind in der Wabe beim Festival Sirens Of Berlin . Das Musikerpaar Doreen und Maik Wolter, das seit Jahren mit Veranstaltungsreihen wie „Bluebird Café“ und „Acoustic Invitation“ die Berliner Singer-Songwriter-Szene belebt, hat eine CD produziert: „Sirens Of Berlin“ versammelt 17 Aufnahmen von Berliner Songwriterinnen. Zum Album nun die Party. Junge und ältere, sehr dünne und sehr dicke, englisch, norwegisch, französisch und deutsch singende Frauen. Ein konzentriertes Publikum feiert begeistert filigranes Fingerpicking oder simpleres Schrammeln. Kerstin Blodig, die funkig funkelnd auf ihrer Akustikgitarre täppt und släppt, und Flageoletts klingeln lässt. Bejubelt werden Chanson, Varieté und schlagerige Darbietungen, die auch Chancen hätten auf einen Platz beim Eurovisionswettsingen. Die fröhlichen „Shevettes“ klingen wie Mamas ohne Papas, und sehen dabei aus wie Kunsthippies aus einem Musical. Kat Balloun pustet eine kesse Harmonica und Hattie St. John gospelt dazu. Und Stephanie Forryan aus Massachusetts erinnert stilistisch an Heather Nova und ist vielleicht die Entdeckung des Abends. H.P. Daniels

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KINDEROPER

Wer am besten

schläft, wird König

In einem uralten Märchen frisst das Ungeheuer Baku Albträume. Hier kam Michael Ende die Idee zu seinem Traumfresserchen : ein grüner, schleimiger Kobold in Diensten des Königs von Schlummerland, denn regieren soll, wer am besten schläft... Ist das, als „Singspiel für Kinder ab vier“ in Musik gesetzt von Wilfried Hiller, vielleicht nur ein guter Trick, um die Gören ins Bett zu kriegen? Und ist es überhaupt richtig, nur die schönen Träume gelten zu lassen? Manche Experten des Realismus rümpfen da vielleicht die Nase, und Hillers Musik, die den Bösewichtern die Dissonanzen vorbehält, ist wirklich etwas konservativ. Doch Bettina Disler inszeniert das – als Kinder-Musiktheater der Deutschen Oper – derart liebevoll, dass solche Bedenken wie im Traum verfliegen. Im Haus der Berliner Festspiele haben Kinder und Erwachsene ihren Spaß. Elke Scheuermann entzückt mit Kulissen und einfallsreichen Kostümen. Wenn die dem Traumkesselchen entweichenden Ungeheuer mit gezackten Geweihen und Krakenarmen zum „Alptraum-Tango“ (Choreographie: Silke Sense) antreten, dann ist das zum Fürchten schön. Unter KevinMc-Cutcheons Leitung und der Mithilfe des Opernorchesters machen auch die Sänger gute Figur: Jörg Schörners glibbrig-grünes Traumfresserchen erklimmt traumhaft-tenorale Höhen, Stephanie Weiss macht Prinzessin Schlafittchens Kinderängste dramatisch glaubhaft, Lucy Peacock ist eine stimmgewaltige Königin, Harold Wilson steuert wahrhaft königliche Baritontöne bei. Nicht zu vergessen die Kinder der Grunewald-Grundschule und Studenten beider Berliner Musikhochschulen als köstliches Ärzte-Terzett. Warum nur geht es im Kindertheater oft schlüssiger, ideenreicher und sorgfältiger zu als auf der ambitionierten Erwachsenenbühne? Isabel Herzfeld

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