Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Tietz

ARCHITEKTUR

Alte Bauten,

neue Nutzung

Der Imagefaktor von historischen Bauten zieht Kunden an. Das gilt nicht nur fürs viel beschworene loft-living, sondern auch für die Umnutzung von Gewerbebauten. Doch obwohl Büros in ehemaligen Fabriketagen längst zum Alltag gehören, wird diese Alternative zum Neubau viel zu selten beschritten. Zu Unrecht, denn mit Umbauten und Ergänzungen lassen sich selbst in die Jahre gekommene Shopping-Malls erfolgreich auffrischen, wie der „Clou“ am Kurt-Schumacher-Platz zeigt, den die Berliner Becher und Rottkamp umgestaltet und erweitert haben. Zehn Beispiele für kostengünstige Umbauten von Gewerbeimmobilien stellt die BDA-Galerie vor (Mommsenstraße 64, bis 14. Juli). Das Büro AVP, Abelmann, Vielain, Pock Architekten zeigt, wie man mit möglichst geringem Aufwand den Charakter einer typischen Berliner Etagenfabrik in Mitte bewahrt und sie dennoch für eine neue gewerbliche Nutzung fit macht. Erfolgreich ist auch der Ansatz von Enno Schneider. Er hat einen BSR-Recyclinghof in Steglitz – einst eine Pumpstation am Teltowkanal – restauriert und ergänzt. Gerade dieses Projekt zeigt behutsamen Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz. Zugleich macht es deutlich, dass Wirtschaftlichkeit und Schonung von Ressourcen beim Bauen im Bestand Hand in Hand gehen können. Damit erweist sich die Umnutzung von vorhandenen Gewerbeimmobilien auch ökonomisch als Zukunftsstrategie.

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KABARETT

Blauer Montag,

schlaflose Nächte

Wenn der Kabarettist Arnulf Rating zum 100. Blauen Montag in die Kleine Arena des Tempodrom lädt (101. Show am 20.Juni, Tel. 308785685), dann gibt es zu Beginn Geburtstagskuchen und zum Schluss ein Ständchen. Zwischendrin präsentiert der Gastgeber, wie an 99 Montagen seit Januar 2003, ein buntes Dutzend Komödianten, Freaks, Sänger, Literaten und Akrobaten. Dabei sind Ratings Scherze eher lau, überhaupt sind seine politischen Pointen auffällig unoriginell an diesem Abend. Auch die anderen Komiker arbeiten sich hilflos an Merkels Äußerem oder Stoibers Ehefrau ab. Solche Bärte. Aber die Nummernrevue bietet auch Überzeugendes: Wiglaf Droste liest eine ätzende Beziehungsglosse, singt ein Westernlied und schlägt, hui, zwei Räder. Atemberaubend ist, wie BMX-Akrobat Frank Wolf mit seinem Minifahrrad über die Bühne wirbelt.

Das A-Capella-Quintett Pitch Pipe Project singt technisch glänzend, wenn auch textlich handzahm. Ihre Wannsee-Hymne über die einzupackende Badehose leitet Klaus Nothnagels witzige Rubrik „Bezirk des Monats“ stimmungsvoll ein. Großen Applaus gibt es für das dynamische Comedy-Duo „First Ladies“ und „Sleepless Night“, einem Tanzduett am von der Decke hängenden Tuch. Jochen Falck ist mit seinen selbstgebastelten Requisiten ein ebenso sympathischer Spontangast wie der Waliser Noel James. Auch Arnulf Ratings 100. Überblick über die Berliner Bühnenlandschaft ist kurzweilig und zeigt so manch artistisch Beglückwünschenswertes. Trotzdem würde man sich gern auch inhaltlich mehr überraschen lassen. Vielleicht beim nächsten Jubiläum. Jan Oberländer

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KUNST

Vier Künstler,

ein Brücke

Dass unter den Gratulanten zum 100-jährigen Jubiläum der Künstlergemeinschaft Brücke ausgerechnet das Kirchner Museum Davos fehlen sollte, wäre undenkbar. Andererseits kann diese kleine, feine Institution jedenfalls zu diesem Datum in Sachen Leihgaben nicht mithalten. Doch erneut erweist sich der Nachteil als Vorteil. Eine thematische Ausstellung hat das Haus eingerichtet, begleitet wiederum von einem höchst informativen Katalog. Vom Kirchner-Sammler Eberhard Kornfeld hat das Haus die komplette Folge der sieben Brücke-Mappen zur Verfügung gestellt bekommen, um die zentrale Rolle der Grafik im Schaffen der – im Kern – „Vierergruppe“ zu unterstreichen. Gemeint ist damit aber – und zwei Aufsätze im Katalog erhärten es –, dass die Brücke, dass vor allem ihr unruhiger, auf Ruhm und Erfolg bedachtes Zentralgestirn Ernst Ludwig Kirchner die Grafik als Propaganda und vor allem auch Handelsware einsetzte. Das Vorgehen der Brücke erschließt sich ganz erst vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels um 1900. Was im Gründungsmanifest der Brücke 1905 so harmlos daherkommt, erweist sich im Laufe der Jahre immer stärker als Teil einer Marketingstrategie, bis Kirchner mit der allzu stark auf ihn selbst zugeschnittenen „Chronik“ 1913 den Zerfall der Gruppe besiegelt. Neben den 26, zum Besten des Brücke-Expressionismus zählenden Blättern der Mappen zeigt das Museum einige wenig bekannte Gemälde. Der bleibende Ertrag aber liegt in der Forschung, die das Haus so kontinuierlich leistet (Davos, bis 23. Oktober, Katalog 46 SFr). Bernhard Schulz

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