Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Der Teufel steckt

in den Haaren

Der Stress im Rockgeschäft hat an ihm bislang wenig Spuren hinterlassen. Beck Hansen wird in wenigen Wochen 35, sieht aber aus wie ein gerade volljähriger Schwiegermutterliebling. Sein aktueller Erfolg in den US-Charts hat sich in Berlin noch nicht so rumgesprochen. Das Konzert wurde vom Tempodrom ins kleinere Huxley’s verlegt, und auch das ist nicht ganz ausverkauft. Nach einem schönen, Kinks-inspirierten Powerpop-Set von Brendan Benson ist die Stimmung im überraschend jungen Publikum angenehm aufgekratzt. Großer Jubel, als Beck im bestickten Country-Jeanshemd auf die Bühne stakst. Mit seiner fünfköpfigen Band legt er ein furioses Free-Funk-Intro hin, das nahtlos in „Devil’s Haircut“ vom 1996er „Odelay“-Album überleitet. Der verschachtelte Indie-Rock-HipHop kommt live etwas grobkörnig daher. Gleich zwei Drummer prügeln dem Song die subtilen rhythmischen Zwischentöne aus, dazu lärmendes Synthie-Sperrfeuer und ein eckiges Minimal-Gitarrensolo vom Meister.

Obwohl Beck weder als Sänger noch als Rapper oder Gitarrist besonders begnadet ist, lässt sein charmanter Dilettantismus keine Gedanken über mangelnde Könnerschaft aufkommen. Natürlich spielt er fast alle seine Hits: das massiv groovende „Where it’s at“, die unvermeidliche Slacker-Hymne „Loser“, das treibende „The New Pollution“ und die großartige Prince-Hommage „Sexx Laws“. Leider wirken viele der älteren Stücke mit ihren redundanten Beats in stets ähnlichem Tempo etwas monoton. Besser funktionieren die Songs seiner neuen Platte „Guero“. Der skelettierte Funk von „Black Tambourine“ oder der mit einem Bossanova-Sample unterlegte Science-Fiction-Blues „Missing“ sind hinreißend. Sogar das einfältige „E-Pro“ ist live eine prima Mitspring-Nummer. Das Schönste kommt kurz vor Schluss: Die Band versammelt sich um einen gedeckten Esstisch und labt sich an Wein und Tandoori-Chicken, während Beck zur akustischen Gitarre fünf wunderbare Coverversionen, unter anderem von Flaming Lips und Daniel Johnston, zum Besten gibt. Am Ende steigen die Musiker mit Küchentisch-Percussion wieder ein. Ganz großer Spaß. Nach anderthalb Stunden und einer brachial runtergerockten Zugabe verlassen alle grußlos die Bühne. Das grelle Saallicht treibt die Leute schnell hinaus in die nieselverregnete Nacht. Ernüchternd.

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POP

Euphorie,

schwarz umrandet

Es hätte auch die Kassenschlange vor einem Freizeitpark sein können, die sich vor der Arena aufreiht. Väter mit Töchtern, große Schwestern mit kleinen Brüdern und Teenager-Cliquen stehen dort. Sie wollen zu Avril Lavigne , für viele Besucher das erste Rockkonzert ihres Lebens. Dafür haben sie sich kurze Röckchen und rot-schwarz gestreifte T-Shirts angezogen, Nietengürtel um die zu tief sitzende Hose gelegt, Krawatten locker um zierliche Mädchenhälse gebunden, die Augen schwarz umrandet. Selbstbewusst und görenhaft: So tritt die 20-jährige Lavigne in ihren Videos auf, so wollen auch ihre Fans sein.

Sie müssen sich lange gedulden, bis ihr Vorbild auftaucht. Die Vorband A spielt leicht verdaulichen Chartrock. Dann erscheint endlich Avril Lavigne. Schlicht in Schwarz gekleidet, mit offenen, blonden Haaren tobt sie über die Bühne, begleitet vom angepunkten Mainstreamrock ihrer vierköpfigen Band. Lavigne schreibt ihre Songs selbst, spielt live Gitarre, Klavier und ein bisschen Schlagzeug. Fröhliche Kindergeburtstagsstimmung liegt über dem Konzert. Die Fans klatschen rhythmisch, recken Arme im Takt in die Höhe, singen bei „Skaterboy“ mit, entzünden Feuerzeuge, umarmen die Freundin zur Ballade „I’m with you“. Avril Lavigne spult ihr Programm ab, covert Green Day und Blur. Man glaubt ihr, wenn sie schnoddrig behauptet: „I always get what I want.“ Sie ist seit drei Jahren ein Star, natürlich nimmt sie sich das, was sie haben möchte. Ihre jugendlichen Zuhörer müssen an diesem Abend ebenfalls keine Kompromisse eingehen. Sie bekamen, was sie wollten. Swantje Dake

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