Kultur : KURZ & KRITISCH

Maxi Sickert

JAZZ

Gut gekaut

ist halb trompetet

Es ist ein besonderer Moment, als der New Yorker Free-Jazz-Posaunist Roswell Rudd auf die Bühne des Theatersaals im Haus der Kulturen der Welt tritt. In kurzärmeligem Leinenoverall, mit weißem Haar und Bart, in der Hand die Posaune, wirkt der 69-Jährige wie ein Wissenschaftler in seinem Sound-Laboratorium, neben sich ein vergleichsweise sparsames Arrangement aus drei Trichtern auf einem kleinen Tisch. „Blues for Planet Earth“ heißt eine seiner Jazz-Opern aus den Sechzigerjahren, utopischer Funk aus einer fernen Vergangenheit. Vierzig Jahre später hat sich die Perspektive verschoben, von New York nach Bamako/ Mali, wo Rudd mit dem Kora-Spieler Toumani Diabate die CD „Malicool“ (Sunnyside/Universal) aufgenommen hat. Beim In-Transit-Festival war das Projekt erstmals in Berlin zu hören.

Anstelle Toumani Diabates war sein in den USA lebender Cousin Mahamadou gekommen, ebenfalls ein versierter Kora-Spieler aus der seit Generationen bestehenden Musikerfamilie. Neben zwei Kompositionen Rudds und dem schönen Thelonious-Monk-Stück „Jackie-ing“ stand die traditionelle malische Musik im Vordergrund, wobei die Polyrhythmen und die Magie der Kora - einer dickbauchigen Harfe – vom darüber gelegten Standardrhythmus zur Folklore reduziert wurden.

Rudd selbst spielte reduziert und brav, wohl mit zu viel Ehrfurcht vor dem kulturellen Erbe Malis. Der großartige Improvisator blitzte nur kurz auf, als Rudd mit Hilfe eines schwarzen Gummitrichters die Posaune zum Grunzen, Schreien und Stöhnen brachte und dabei die Luft förmlich kaute, bevor er sie durch das Mundstück in das Blech spuckte. Und die Intensität des musikalischen Terrains, auf dem sich Rudd ansonsten bewegt, war gerade eine knappe halbe Minute hörbar, während einer plötzlichen New Yorker Old-School-Noise-Offensive des Bassisten Henry Schroy in Zusammenarbeit mit dem Schlagzeuger John Betsch. So blieb die Annäherung von New York und Bamako an diesem Abend eher Addition als Synthese.

THEATER

Graue Haare schützen

nicht vor Baseball-Kappen

„Ich finde weiße Haare schön“, sagt einer der sechs Rentner, die in Sandra Strunz’ und Viola Hasselbergs Stück Vabanque in den Sophiensälen (19. und 23.–26.6., jeweils 20 Uhr) zu einer Art Selbsterbauungskurs an die Rampe getreten sind. Sein Kollege propagiert sogar die Senioren-Uni: Während er mit dreißig Jahren an akademischen Texten konsequent gescheitert sei, ströme ab siebzig noch die intellektuellste Herausforderung quasi von selbst in die Hirnwindungen. Dass die jugendwahnsinnige Gesellschaft mit diesem Potenzial wenig anzufangen weiß, könnte kaum entlarvender zum Ausdruck kommen als in Strunz’ Inszenierung.

Höchsten Anspruchs und reinsten Gewissens angetreten, den Alten ein Forum zu bieten, scheint die Regisseurin dem dramatischen Unterhaltungswert ihrer Klientel selbst nicht hinreichend zu trauen. Zwar hat sie allerlei demografische Fakten zusammengetragen, den Prozess gegen die „Opa-Räuber“ von Hagen verfolgt, sich in soziologische Studien vertieft und umfassende Interview-Recherchen zum Thema „Alter und Visionen“ verarbeitet. Aber statt dem Jugendkult wirklich etwas entgegenzusetzen, ruft die deutsch-polnische Koproduktion im Grunde fortwährend nur: Seht her, wie jung ich mit meinen siebzig Jahren noch bin! Da wird im Stile einer Nummernrevue vorgeführt, dass auch ergraute Köpfe das Zeug zur Baseball-Kappe haben, ein siebzigjähriger Männeroberkörper nicht weniger ansehnlich sein muss als ein fünfzigjähriger und auch Rentner gerne mal rappen. Wo Substanz unter aktionistischen Oberflächen verschwindet, macht sich schnell Langeweile breit. Christine Wahl

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DESIGN

Silbern schimmert

die Avantgarde

Glühende Hitze, ohrenbetäubender Lärm, Schweiß und andere Gerüche vermittelt der Dokumentarfilm über die Württembergische Metallfabrik (WMF) und scheint die Luft im Bröhan-Museum schwer zu machen. Nicht allein Kraft, sondern auch künstlerisches Talent und Experimentierlust brauchten die robusten Arbeiter, um die fragile Materie Glas herzustellen. Das Ergebnis dieser komplexen Anstrengung ist in der Ausstellung Art Deco – Glas und Metall der WMF zu sehen (Schloßstraße 1a, Charlottenburg, bis 23. Oktober, Di–So 10–18 Uhr, Katalog 39,80 €). Nach der Herstellung von Haushalts- und Gebrauchsgegenständen wie versilbertem Besteck, Eierkochern und Lampen begann Hugo Debach, WMF-Generaldirektor und passionierter Ostasiensammler, ab 1927 Glaskunst zu fördern. Er knüpfte an die Tiffanygläser der Jahrhundertwende an und ließ Kleinserien mit den Namen „Myra“ und „Ikora“ herstellen, die eine benannt nach dem Ausgrabungsort in Kleinasien, die andere nach der Tropenpflanze Ixora, die wegen ihrer Farbe auch „Feuerbrand“ oder „Buschflamme“ heißt.

Debach war ein Neuerer, er forcierte die Entwicklung der aufwändig hergestellten „Ikora-Unica“-Gläser. Sie bestehen aus mehreren gefärbten Glasschichten, zwischen denen verschiedenfarbige Dekore, zum Teil auch Silber- und Kupferfolien eingeschmolzen sind. Mittels chemischer Zersetzungsprozesse wurde künstlich eine irisierende Oberfläche gewonnen. Transparente Silberschichten verstärken die Leuchtkraft der Farben. Eine verwirrende Vielfalt, im Bröhan-Museum angemessen präsentiert: Die flache Myra-Glasschale von 1928 wirkt vor einem schwarzem Hintergrund blau und vor einem hellen rötlich. Anna Roth

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