Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

OPERETTE

Alles nur

Attrappe

Im Kühlschrank liegt eine Leiche. Es ist Heiner Streicher, der linke Staranwalt. Kurz darauf kommt er allerdings quicklebendig um die Ecke. Denn der Heiner ist trizophren: eine dreifache Persönlichkeit. Darum muss er erst noch von Frau Lüsebrinks Zyankalipillen naschen und ein zweites Mal hops gehen, bevor er als geheilt entlassen werden kann.

Ja, ja, es geht hoch her im „Happy Journey Institut of Southern Brandenburg“. Das Maxim Gorki Theater hat sich von der Neuköllner Oper Off-Theater-Kompetenz eingekauft – und bekommt dafür eine entfesselte Klamaukkomödie: Thomas Zaufke hat zuletzt die Musik zu Peter Lunds Neuköllner „Elternabend“ geschrieben, Bisowski konnte in der Karl-Marx-Straße mit seiner Neudeutung von Eduard Künnekes „Herz über Bord“ einen Erfolg landen. Warum also nicht den beiden Künnekes „Glückliche Reise“ anvertrauen, dachte sich Gorki-Chef Volker Hesse und holte mit Bernd Mottl noch einen Regisseur dazu, der sowohl an seinem Haus wie der Neuköllner Oper Erfahrungen gesammelt hat.

Die Story der 1932 am Ku’damm uraufgeführten „Glücklichen Reise“ ist absolut nicht verstaubt: Zwei Wirtschaftskrisenverlierer wollen im Ausland ihr Glück machen, scheitern dort und kommen nach Berlin zurück, wo sie mit zwei Mädels aus einem Reisebüro anbändeln. Am Ende beschließen die vier, gemeinsam einen Neuanfang zu wagen. Während Zaufke mit Mut zum Stilmix Künnekes Partitur für eine kleine Combo bearbeitet hat, vertraute Librettist Bisowski der sozialrealistischen Großstadtgeschichte nicht und schrieb lieber einen neuen Plot, der in der brandenburgischen Provinz spielt. Die chaotischen Verhältnisse in der „Happy-Journey“-Psychoklinik für B-Promis, die nun drei Stunden lang ausgebreitet werden, dienen einzig einem Zweck: an möglichst überraschenden Stellen die alten Künneke-Schlager samt Originaltext unterzubringen. Das auf einer griechischen Insel angesiedelte Abba-Musical „Mamma mia“ funktioniert prächtig nach demselben Prinzip – weil jeder die Texte der Schweden kennt und darum Situationskomik entsteht. Nun gehören allerdings Künnekes Songzeilen wie „Am Amazonas wohnen unsere Ahnen und schmeißen mit Bananen“ oder „Jede Frau geht so gerne mal zum Tanztee und wünscht sich, sie wär’ die Elegant’ste“ heute nicht mehr unbedingt zum Kernrepertoire. Darum wird die Operette zur Attrappe – und die Musik vom Gorki-Publikum lediglich als verstaubt-groteskes Relikt wahrgenommen. Mit Denunziation aber holt man sich leichte Lacher, ebenso wie mit clownesk überzeichnetem Bühnenpersonal. Mottl und sein Choreograf Götz Hellriegel lassen ihre Darsteller das Alphabet der Albernheiten rezitieren: Mit dem hemmungslosen Thomas Bischofberger und seiner cholerischen Chefin (Ursula Werner) an der Spitze stürzt sich die Truppe auf jede Kalauerchance, mimt den heulsusigen Macho (Norman Schenk), das hohlbirnige Girlie (Anna Kubin), die aufgerüschte Realitätsverdrängerin (Bettina Hoppe), den grimassierenden Klemmi (Rudolf Krause) und das Verona-Poth-Double (Jacqueline Macaulay). Immerhin: Peinlich berührt, wie sonst so oft in Operetten-Aufführungen, braucht man hier niemals den Blick zu Boden senken. Und das ist doch auch schon was (wieder vom 24. bis 26. Juni sowie ab Ende August).

KLASSIK

Alles so

emphatisch

Wirklich große Künstler, heißt es, seien ganz bescheiden. An Marc Minkowski , dem Gründer der „Musiciens de Louvre“, kann man das gut studieren. Ob er zum Schluss mit der Partitur von Mendelssohns „Sommernachtstraum“ in die tosende Philharmonie winkt, sich bei den ersten Pulten stets einzeln bedankt oder mit den eigenen Verbeugungen so seine etwas linkischen Probleme hat – dem Mann ist es um die Sache zu tun. Und die gelingt ihm und dem DSO an diesem Abend fantastisch gut. Mit welch burlesker Beredtheit und Agogik er über der „Sommernachtstraum“-Ouvertüre den Vorhang aufgehen lässt, wie viel Duft und Spuk und Geisterweben das Räderlaufwerk des Scherzos entfaltet, wie waldselig die Hörner im Notturno erklingen, und welch lärmend-feixender Dramaturgie der Hochzeitsmarsch gehorcht: Shakespeare hätte an der Geisteshelle, am Witz dieser Interpretation seine Freude gehabt. Und die beiden Solistinnen Jennifer Smith, Della Jones und der Ernst Senff Chor hatten sie sichtlich, hörbar auch.

Fast sieht es ja so aus, als würde Minkowski beim Dirigieren viel zu große, vor allem: viel zu wenig konturierte Bewegungen machen: Alles wirkt rund bei ihm und organisch aus der Leibesfülle entsprungen und immer emphatisch. Diese Körpersprache kommt an. So farbenfroh jedenfalls, so innig wie in der (extrem langsamen!) Einleitung zum Brahms-Violinkonzert vor der Pause hat man das DSO selten gehört. Und erst die wunderbar konzertierenden Holzbläser im Adagio! Jenseits jeden ideologischen Mehltaus, der auch auf diesem Konzert liegen kann, verortet Minkowski es ganz in der großen Virtuosen-Tradition des 19. Jahrhunderts, dehnt und staucht die Tempi, atmet und moduliert in den Phrasierungen – was sich ein Solist wie Renaud Capucon natürlich nicht zweimal sagen lässt. Gespannt wie ein Flitzebogen und mit wehender Mähne stürzt er sich in Brahms‘ romantische Welten, bisweilen etwas sehnig, fast etwas zu druckvoll im Ton, aber mit mächtig viel Sangeswillen und lupenreiner Intonation. Wie schön, wenn sich einer die so genannte deutsche Romantik einmal so ganz undeutsch, so lustvoll und frei zu Herzen nimmt! Christine Lemke-Matwey

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