Kultur : KURZ & KRITISCH

Rüdiger Schaper

PERFORMANCE

Zen-Buddhismus und Raketenbrennstufen

Zwei Monde hat der Mars, Phobos und Deimos. Furcht und Schrecken: Ist der Mars ein amerikanischer Planet? Leben die Amerikaner längst schon auf dem Roten Planeten? Leben wir hinterm Mond? Allein steht sie auf der Bühne im Hau 1 , in einem Meer von Kerzen, die von einem großen Unglück künden, von Trauer und kollektivem Gedenken, und ihre beschwörende Stimme ist ein kühler Hauch in einer Sommernacht. Laurie Anderson , Stargast und Sternendeuterin beim Berliner Poesiefestival, streicht über die elektrische Violine, so klagend, so unwiderstehlich zart, dass man aus der Trance erwacht, um in einen noch tieferen Wachtraum zu fallen. The End of the Moon : episches, hypnotisches Poem. Sie geht mit ihrem Hund spazieren und verloren. Singt ein Duett mit einem toskanischen Vogel. Belauscht Männer, die nachts im Vorgarten rauchen, weil sie ihre Frauen nicht mehr lieben. Anderson sucht den Himmel ab. Den Himmel in uns. 2003 war sie Artist in Residence der NASA. Ein lange gehegter Traum, erzählt sie. Aber die New Yorker Poetin und Musikerin raunte schon vor zwanzig Jahren „Big Science“. Naturwissenschaft und Poesie, darin scheint sie mit Robert Wilson, Walt Whitman, Thomas Pynchon einig, sind Zwillinge. Schwarze Löcher und Somnambulismus. Zen-Buddhismus und Raketen: Oh Superfrau, so stark, so zerbrechlich, so fern. Hubble-Teleskop und Bubble Gum. Die Welt ist eine amerikanische Blase.

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KLASSIK

Fremd bin

ich eingezogen

Wo hört man schon in Liedprogrammen Kunstwerke wie Hanns Eislers Vertonung des Hölderlin-Gedichts „Heidelberg“? Der Komponist im Exil, der für Hollywood Filmmusik macht, montiert den deutschen Text neu: Die „Götter“ fehlen, aber der „Zauber“ bleibt. Im Konzerthaus gibt der Sänger Siegfried Lorenz den sachlich-schönsten Bericht über „eine Stadt“, wie sie in Eislers „Hölderlin-Fragmenten“ auftaucht. Lorenz’ Vortragsstil muss sich dabei von Schubert kaum entfernen, weil er diskrete Emotion mit verantwortlicher Wortverständlichkeit verbindet: Der Liedersänger erzählt. Dass dieser Abend ein erklärtes Abschiedskonzert sein soll, hat sein „liebes Publikum“ angelockt – darunter mit standing ovations Künstler der Berliner Staatsoper und deren ehemaliger Intendant Hans Pischner, der den lyrischen Bariton ab 1978 unter seine Obhut nahm. Die Trennung von diesem Sänger bleibt ein schwarzes Kapitel in der Chronik des Hauses nach dem Mauerfall.

Der Liederabend aber ist erfüllter Abschied. Frühling und Mondnacht bei Schumann, gebundene Farben, die aus dem „Nussbaum“ flüstern, Affektwechsel der „Sehnsucht“ mit ihrem romantischen Grauen bei Schubert. „Ich wandle still, bin wenig froh“ – Lorenz singt die Zeile mit zauberischer Traurigkeit. Die Eintracht mit seinem Partner Herbert Ka liga wird besonders evident in den Oktavgängen des Schubertschen „Wanderers“, dessen geheimnisvolle Dissonanzen dem Pianisten gehören. „Ade!“ singt Lorenz in einer der Zugaben. Das gilt nicht für seine Studenten. Wer möchte, darf als Gast an der UdK (ab 30. Juni, 11 Uhr, Fasanenstr. 1b) einem Meisterkurs mit Lorenz lauschen. Sybill Mahlke

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