Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Freunde

fürs Leben

Es ist das letzte Konzert der Saison in der Philharmonie , dann geht es am Sonntag hinaus ins Rund der Waldbühne und danach in die Ferien. Die dritte Spielzeit der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle schließt glanzvoll und ohne jede steife Feierlichkeit – mit einer programmatischen Kopplung aus Strawinsky und Haydn, aus Rhythmus und Gefühl, Schrecken und Erstaunen. Sie zeigt das Orchester und seinen Chef verbundener denn je als partners in crime. Eine Bastion, die in den vergangenen Monaten so geschätzte Gastdirigenten wie Bernard Haitink und Mariss Jansons nicht mehr für sich einzunehmen vermochten. Die Rattle-Bande sucht neue Herausforderer. Und solange die nicht in Sicht sind, übernimmt Strawinsky ihren Part. Seine „Noces“ reduzieren die Philharmoniker auf ihre glänzenden Schlagwerker und gruppieren dazu vier Flügel, Chor und Solistenquartett. Ein perkussives Gewitterleuchten, hämmernd modern und doch wie aus Urgründen tönend. Rattle hält diese archaische Botschaft am Pulsieren, bis in die kleinsten Verästelungen des wunderbar ebenbürtigen Rundfunkchores hinein. Rhythm is it! Ein weniger prominenter Pianisteneinsatz (Labèque-Schwestern, Adès, Vogt) mit noch weniger Pedaleinsatz hätte allerdings nicht geschadet.

Welche Innigkeit bei Haydns „Harmoniemesse“: Sachtes Erblühen der Klangfarben bis zur schmerzhaft fragenden Dissonanz. Keine Gewissheit, aber animiertes Suchen. Das agnus dei wird zum schwerelosen Gutenachtlied. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Rattle und seine Philharmoniker entdecken den sanften Schrecken dahinter (noch einmal heute).

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KLASSIK

Zarte Männer,

harte Frauen

Daniel Barenboim sieht in Beethovens Klaviersonaten ein „intimes musikalisches Tagebuch – von der Jugend bis zum Alter“. Wenn der Pianist jetzt an der Staatsoper mal wieder in diesem Diarium blättert, tut er es nicht chronologisch, nein, er schlägt mal diese, mal jene Seite auf, als bekennender Eklektiker wie immer angetrieben von ungeduldiger Neugier. Am Sonntag widmete er sich Werken aus den Jahren 1795, 1798, 1801, 1809, am Dienstag waren dann opus 13, 26, 79 und 101 dran. Als „Lehrstunde des Lebens“ empfindet Barenboim dabei die klassische Sonatensatzform, die „männliche“ und „weibliche“ Themen gegenüberstellt: „Wir müssen erkennen, dass wir immer etwas brauchen, das uns ergänzt.“ In opus 2/2 entdeckt er eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, bei der die Fetzen fliegen; in opus 14/2 dagegen ist das Themenpaar harmonischer, es fällt kaum ein lautes Wort. Bei der „Pathétique“ scheint Barenboim Genderforschung zu betreiben: Jedes Thema zeigt weibliche wie männliche Anteile.

„Es erfordert Mut, Beethovens Dynamik zu folgen, ein Crescendo bis zu seinem Ende zu verfolgen.“ Der Satz stammt zwar auch von Barenboim – doch Angst gehörte noch nie zu den Charaktereigenschaften dieses Ausnahmekünstlers. Unter seinen Fingern wird die „Sturm“-Sonate ein Liszt’sches Tongemälde, getränkt mit Individualität, voller extravaganter Details, bis hin zum samtpfötig angesetzten Finale. Auch „Les adieux“ trägt bei Barenboim romantische Züge, wenn das Andante zum Schumann’schen Tränenstück wird. In den Variationen der As-Dur-Sonate reizt der große Verdeutlicher lustvoll die Extreme aus, vom koboldhaft huschenden Pianissimo bis zu Tönen, die er wie Felsblöcke in den Raum schleudert. Geradezu demütig nähert er sich dagegen dem Lieblingsstück vieler Romantiker, opus 101. Weitere Überraschungen folgen ab Sonntag (Infos: www.staatsoper-berlin.de). Frederik Hanssen

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POP

Schleichwege

einer Tigerin

Hysterisch kreischen die Fans im Tempodrom , als Tori Amos auf die Bühne weht. Umflattert von einem weißen Wallewalle-Kleidchen. Oder ist es zartblau? Nicht genau zu erkennen von ganz oben unterm Dach. Wo sich die Hitze des Tages staut, und die Klangcluster, die Tori in den großen Bösendorfer-Flügel plingelt und donnert. Die Stimme irrt hallig durchs bestuhlte Rund. Wird fester, kräftiger, aber auch verzerrter. Kein guter Klang. Doch die Gesten, dramatisch wie auf dem Theater, kommen auch in der letzten Reihe an. Gezierte Armbewegungen. Tiefes Stöhnen. Tori sitzt zwischen Piano und Hammond, zu der sie sich gelegentlich umdreht, ein paar Passagen orgelt. Lässt den Flügel gluckern, während es auf einer Leinwand blubbert und glühende Feuerräder rotieren. Die Stimme gurgelt, quetscht, dreht sirenenartig auf. Trötet wie eine Hochdruck-Fußballtute. Spitzer und schriller als auf dem neuen Album „The Beekeeper“, wo der Gesang abwechslungsreicher wirkt, dynamischer, schöner. Wie sich auch die Songs auf Platte besser entfalten: mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Harmonie-Stimmen. Toris Stimme allein, nur zu Klavier und Orgel, beginnt gelegentlich zu sägen. Auch an den Nerven. Die 41-jährige Amerikanerin wirft die rote Mähne in den Nacken, lässt den Unterleib Richtung Klavier zucken. Dreht sich zu den Fans, wenn sie beide Tastaturen gleichzeitig bespielt, mit gespreizten Schenkeln. Und gelegentlich, wenn sie über die B3 fingert, greift sie mit der Linken nach hinten, um es gleichzeitig mit einer zweiten Tastatur zu treiben. Die Fans rasen. Nach zwei Stunden geschrägeltem Piano-Orgel-Pop und „Sweet The Sting“ als entspannt schöne Zugabe berührt Tori ein paar Hände und fliegt davon. In einem Tempo, als wären sie mit dem Schmetterlingsnetz hinter ihr her. H.P. Daniels

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