Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

SHOW

Stetsons

in die Höhe

Die Mimikry ist perfekt: Würde Ursli Pfister einfach seine Siebensachen und zwölf Perücken packen und sich tatsächlich eine neue Existenz als Countrysängerin Ursula West im Mittleren Westen der USA aufbauen – die Farmer würden wohl jubelnd ihre Stetsons in die Höhe werfen. Würden heiße Tränen über das Lebensdrama der fragilen Frau mit der tiefen Altstimme vergießen und sie schon aufgrund ihres prächtigen Südstaatenakzents in ihren Kreis aufnehmen. Aber wir sind in Berlin, in der Bar jeder Vernunft (bis 30. Juni), und hier kommt das überwiegend schwule Publikum aus anderen Gründen: Diese Herzen erobert man nicht mit Dolly-Parton-Songs, sondern mit Travestie, mit schweißtropfenfestem Make-up, High Heels und möglichst vollkommener Imitation weiblicher Role-Models. Und mit der mokanten Zurschaustellung der kleinbürgerlichen Doppelmoral von Wohlanständigkeit und Lüsternheit, vor der die Country-Canzonetten nur so strotzen: eben noch „Country Sunshine", dann „Go to Hell“, gerade noch sanft federndes Familienidyll mit Rüschenrand, jetzt die empörte Luder-Frage „Did I shave my legs for this?“. Hübsch ist das alles, von der Jo Roloff Band mit stoischer Noblesse begleitet – und dennoch etwas eintönig: Zwischen Original und Fälschung besteht zu wenig Reibungsfläche, um Spannung zu erzeugen. Ursli-Ursulas graziler Charme bleibt blass gegen die schön schaurige Hemmungslosigkeit, mit der die echten Country-Heroinen ihre Lebensentwürfe besingen.

* * *

OPER

Buggy

in den Orchestergraben

Eine Frau beugt sich über den Kinderwagen, macht die üblichen Gaga-Laute, wird brutal, schüttelt den Wagen, nimmt das Kind – und lässt es in den Orchestergraben fallen. Eine andere stößt verzückte spitze Laute aus beim Anblick einer Umkleidekabine, verschwindet darin und tritt freudestrahlend mit einem riesigen altmodischen Reifenkleid wieder auf die Bühne. Hier wird die Kunstform Oper bis zur Unkenntlichkeit entblößt und reduziert: Staatstheater , von Maurizio Kagel in den Siebzigerjahren komponiert, war die musikalische Umsetzung einer Zeitstimmung, die die Opernhäuser in die Luft sprengen wollte (Pierre Boulez). Traditionelles Musiktheater scheint nur noch in Requisiten-Zitaten auf, die Handlungen sind sinnlos und beliebig kombinierbar. Und doch ist es Oper: Stimmlich virtuos, interpretieren die Mitglieder des Studiengangs Gesang der Universität der Künste bei ihrem Abschlussprojekt (Regie: Dagny Müller, noch heute, Dienstag und Mittwoch) im Probensaal an der Fasanenstraße Boris Blachers zeitlose Szenen elementarer menschlicher Emotionen wie Angst, Schmerz und Liebe, auf denen jede Oper basiert. Den Abend komplettiert Ernst Kreneks Einakter „Der Diktator“ von 1928. Das Programm könnte einige Kürzungen vertragen, dennoch dokumentiert es eindringlich die Entwicklung der Oper im 20. Jahrhundert. Udo Badelt

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