Kultur : KURZ & KRITISCH

Birgit Rieger

AUSSTELLUNG (1)

Dein leeres

Zimmer

Seit 1991 sind die südkaukasischen Republiken Armenien, Aserbaidschan und Georgien unabhängig. Was man von dort erfährt, klingt oft nach „Wildem Osten“: Erdöl sprudelt, der Schwarzmarkt blüht, brüchiger Waffenstillstand um Berg-Karabach. Dass bereits in den Siebzigern im armenischen Jerewan ein Museum für Moderne Kunst eröffnete, ist wenig bekannt, ebenso die Aktivitäten kaukasischer Künstler, die sich seit einigen Jahren verstärkt der Fotografie und den Neuen Medien zuwenden. Das Institut für Auslandsbeziehungen wirft im Rahmen der Ausstellungsreihe Spot on , die 2006 die arabische Region ins Visier nimmt, Licht auf die kaukasische Dokumentarfotografie (bis 31.7., Linienstr. 139/140). Während zu Sowjetzeiten gerade mit Hilfe der Dokumentarfotografie Propaganda betrieben wurde, suchen die zwölf Künstler eine andere Wahrheit, um die Realität ihrer Heimat zu erkunden. Irina Abzhandadze besuchte die Familien ermordeter Jugendlicher und fotografierte deren leere Zimmer. Die Schwarzweiß-Bilder verbreiten eine beklemmende Ahnung. Vieles scheint verloren, auch auf den Bildern anderer Künstler. Abfall ist eines ihrer obsessiven Themen: Berge von Plastikmüll, Munitionskisten. Als bleibe auch Künstlern nichts, als menschlichen Kehricht aufzubewahren.

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AUSSTELLUNG (2)

Unser doppeltes

Geschlecht

Schubladendenken hat ausgedient. Die Kommode mit den acht Schubfächern im Video explodiert in Bildfragmente, bis nichts mehr bleibt als Raum. Raum, um auszusteigen aus gewohnten Gedankenstrukturen – wie der strikten Zuordnung in Mann und Frau. „Ist es ein Mädchen oder Junge?“, lautet oft die erste Frage nach einer Geburt. In einem von tausend Fällen kann sie nicht so klar beantwortet werden. Diese Kinder gelten als „Abweichung“ und werden chirurgisch „eindeutig gemacht“ – meist zu Mädchen, das ist einfacher. Wie das mit den Menschenrechten vereinbar ist, erkundet das Ausstellungsprojekt 1-0-1 (one ’o one) intersex in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (Oranienstr. 25, bis 31.Juli). Ebenso hybrid wie das Thema ist auch die ausgesprochen politische Ausstellung mit künstlerischen Positionen von Intersex-Aktivisten. Der Rahmen spannt sich von der puren Information (Rez Mortimers Film „Gender Trouble“) bis zum Spiel mit dem körperlichen Faszinosum (Del LaGrace Volcanos Schwarzweiß-Fotografie „Hermaphrodite Torso“). Neben Protest und Gegenentwürfen zum gängigen Denken darf auch gelacht werden: Auf der Toilettentür findet sich ein Schild mit der Aufschrift: „Hermaphroditen – Herren und Damen bitte andere Toilette benutzen.“ Annette Jahn

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