Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Ein entfesseltes

Fest

Im Sommer funktioniert Karneval auch in Berlin. Natürlich regnet es an diesem Juniabend in der Philharmonie nicht bloß süße Kamellen – dafür ist die Staatskapelle zu preußisch, der Dirigent Christoph Eschenbach zu norddeutsch und Antonín Dvorák zu böhmisch, als dass es und hätte regnen können. Dessen Karnevals-Ouvertüre ließ in den verschatteten Verstecken ihrer Seitensätze Außenstehende mit melancholischem Blick auf die feiernde Masse blicken. Die frappierende Energie des Dirigenten und die aufmerksame Hingabe, die ihm das bestens vorbereitete Orchester entgegenbrachte, sorgten für verdienten Jubel; dennoch erreichten die Hauptwerke des Programms nicht die gleiche Überzeugungskraft. Claudio Bohórquez, der vielleicht noch etwas technikverliebte, aber auch subtil kammermusikalisch denkende 27-jährige Solist in Dvoráks Cellokonzert, hätte bei mehr Unterstützung für seine gemäßigten Tempovorstellungen farbiger und berührender gewirkt. Prokofjeffs Opus 100 schließlich ging man mit jener melodischen Innigkeit und Sorgfalt der Motivgestaltung an, wie sie einer symbolträchtigen Fünften Symphonie sicher angemessen sind. Elementare Gegensätze, wie sie noch in Dvoráks Karneval überzeugend in einer Interpretation aufeinander trafen, wollten sich hier nicht gleichermaßen in einem großen Coup zusammenzwingen lassen: Bei Prokofjeff liegen sie zu oft im ungelösten Widerstreit zwischen Moderne und Tradition, symphonischer Würde und kindlich-satirischen Scherzen des Finales.

* * *

KUNST

Ein besonderer

Saft

Grau sieht’s im Museum für Indische Kunst aus: Hier herrschen steinerne Hindu-Götter, dominiert ein hellgrauer Mattlackanstrich. Jetzt aber verleiht Gabriele Heidecker der ständigen Ausstellung Farbe, weist auf die tiefere Bedeutung von Rot in der indischen Kultur hin (Dahlem, Lansstraße 8, bis 28. 8.). 2001 hatte die Künstlerin in Neu Delhi ihr erstes Projekt realisiert, bei dem sie blutrote Acrylfarbe in geteerte Becken gießt, nach dem Trocknen die entstandene Haut abzieht und sie dann ausstellt. Solche zerplatzten Häute, zu faszinierenden Craquelés erstarrte rote Rinde, lässt Gabriele Heidecker mit den Kultfiguren des indischen Museums zusammentreffen. Eines der senkrecht aufgestellten Objekte wirkt wie das Tor zu einer anderen Wirklichkeit – bewacht vom steinernen Gott Vishnu, der die Welt erhält und schützt. Die zentrale Gestalt für Gabriele Heideckers neuere Arbeiten ist jedoch die furchtbare Göttin Kali, „die Schwarze“. Der Personifikation von Tod und Gewalt widmet sie besonders expressive, schwarzrote Craquelé-Objekte mit martialisch herausschießenden Zylindern. Einst wurden Kali menschliche Blutopfer dargebracht. Man sollte ihr mit Ehrfurcht begegnen. Jens Hinrichsen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben