Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

ROCK

Highway

vor Sonnenuntergang

Ihre Arme sind immer noch sehr dünn. Auch sonst sieht man es Aimee Mann nicht an, dass sie seit eineinhalb Jahren Boxunterricht nimmt. In ihrer Musik hat das Hobby hingegen deutlichere Spuren hinterlassen: Einer der Protagonisten ihres neuen Albums „The forgotten Arm“ ist Boxer. Er heißt John und kommt 1972 heroinsüchtig aus Vietnam zurück. In der Provinz trifft er Caroline, sie werden ein Paar und fahren zusammen Richtung Mexiko. Der für ihre Verhältnisse sehr rockige Sound ist zunächst etwas versuppt, ihre Stimme zu leise. Man muss an das enttäuschende Konzert vor zwei Jahren denken. Ebenfalls im Konzertsaal der UdK war Aimee Manns Gesang völlig untergegangen. Doch dieses Mal wird es besser. Mann wechselt von der elektrischen zur akustischen Gitarre, und beim groovigen „Going through the Motions“ passt dann alles zusammen. Das gilt auch für das melancholische „Little Bombs“, bei dem eine Highway-Sonnenuntergangsstimmung aufkommt. Hier ist endlich auch einmal das Klavier zu hören, ein tragendes Instrument des neuen Albums. Auf der Bühne wird es meist vom Gitarristen übertönt, der mitunter in seltsame Schmockrock-Soli abdriftet. Bei den älteren Stücken aus dem Film „Magnolia“ ist damit zum Glück wieder Schluss. Neunzig kurzweilige Minuten, ein Musik-Raod-Movie.

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KLASSIK

Schatten des

südlichen Lichts

Der Saisonausklang, arrangiert als Paradenummer: Beim letzten Sinfoniekonzert des Orchesters der Komischen Oper feiert Kirill Petrenko seine Musiker in der Philharmonie mit energischem Charme. Knaller für den großen Apparat von Tschaikowski und Respighi, danach Extraapplaus Pult für Pult. Berlins engagiertester Orchesterchef hat die drei gemeinsamen Jahre genutzt. Seine schnörkellose Dynamik, sein Theatersinn ohne jede Theatralik hat sich auf das Orchester übertragen, das agil und konturiert musiziert. Bewundernswert wie Petrenko Tschaikowskis wahrlich kapriziöses „Capriccio italien“ in stetiger Bewegung hält, sich dem aufgebauten Feuerwerk nähert. furchtlos amüsiert . Nie würde Petrenko den Funkenflug einer Rakete mit dem Zauber des weiten Himmels verwechseln. Bei ihm werden Illusionen sichtbar, ohne dass wir uns desillusioniert fühlen. Zackig, aber ganz ohne Stiefelknallen und Athletenschweiß auch das 1. Klavierkonzert, in dem der sonst gerne kräftig zupackende Boris Berezovsky immer wieder schattige Inseln im Strom entdeckt. Bei Respighis römischen Klanggemälden „Fontane“ und „Feste“ schließlich wirft die südliche Sonne kernige Schatten, und die musikalische Beschwörung der Vergangenheit steigt auf wie eine Fata Morgana. Eine Illusion, ein Spiel, ein großer Spaß. Ulrich Amling

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