Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

OPEN AIR

Wenn der Schiller

mit dem Verdi

War Giuseppe Verdi der Friedrich Schiller Italiens? Im „Nabucco“ gibt er den Gedanken Freiheit, der Widerstreit von Pflicht und Neigung wird auch bei ihm zum Auslöser aller Dramen. Vier Stücke des deutschen Dichters hat der Komponist vertont, „Die Räuber“, „Kabale und Liebe“ (als Luisa Miller) sowie die „Jungfrau von Orleans“ während seiner frühen Galeerenjahre, „Don Carlos“ schließlich als reifer Mann und Meister. Alle vier Opern hat das Theater Dessau zum Schillerjahr erarbeitet – und war mit Ausschnitten aus der Tetralogie nun auf dem Gendarmenmarkt zu Gast. Die Schiller-Statue vor dem Konzerthaus im Blick, vollbrachten die Künstler der Anhaltischen Landesbühne am Samstag die Großtat des diesjährigen Classic Open Air . Noch populärer als gewohnt zeigt sich das Freiluftfestival in seiner 14. Saison: Lucia Aliberti, Udo Jürgens, ein Remake der Gruppe „Abba“ sowie die Söhne Mannheims (vor ausverkaufter Kulisse).

Beim Verdi/Schiller-Gipfeltreffen dagegen blieben viele Stühle leer. Doppelt schade, denn der Abend war nicht nur meteorologisch ein Traum, sondern auch musikalisch erhellend. Wie im Zeitraffer fliegt die Entwicklung Verdis vorbei, von der ziemlich rumpeligen „Giovanna“ (1845) bis zur Tiefenpsychologie des „Don Carlo“ (1867). Die Dessauer waren mit Chor, Orchester und elf Solisten angereist, konnten also – ungewohnter Luxus bei Open-Air-Events – ganze Szenen statt Arien-Schnipsel präsentieren. Vor allem die frühen Opern erwiesen sich dabei als robust und freilufttauglich. Chefdirigent Golo Berg schlug geschickte Spannungsbögen, aus dem Ensemble fielen vor allem die jungen, frischen Stimmen von Daniela Zanger, Jörg Brückner und Pieter Roux auf, während Iordanka Derilova ihren Sopran durch fortgesetzten Sturm-und-Drang-Gesang wohl gefährdet. Ob man Verdi nun wie hier „schillernah“ auf Deutsch hören mag, bleibt genauso Geschmackssache wie Ben Beckers Gastauftritt als Dichterdarsteller.

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POP

Vom Rhythmus

dieser Welt

„I am 79“, sagt B. B. King zu seinen Fans. Das klingt eher wie ein Bekenntnis als nach Abschiedsworten. Wird der „König“, die „schwarze Säule“ des Blues, an diesem Abend womöglich sein letztes Konzert in Deutschland geben? Zunächst spielen in der fast zur Hälfte gefüllten Waldbühne einige „Friends“ auf. Oleta Adams mit ihrem Gospel-Alt und einer korrekten Bluesrock-Band. Das Joe Sample Trio als akustisch perfektes Überbleibsel der Crusaders, Weggefährten von B. B. King. Es stellt jene Sängerin vor, die mit den Crusaders 1979 den Hit „Street Life“ landete: Randy Crawford. Deren fülliger, rauer und vergnügter Gesang sorgt für großen Jubel, „Street Life“ erscheint als Swing in gepflegtem Understatement und fordert eine Zugabe. Dagegen wirkt Renée Olstead, schneeweiß und jung, wie ein Blues-Girlie. Mit etwas spitzer Stimme und einer hastigen Band, die sich Mühe gibt. Aber dann steigt der Blues tatsächlich in den Caspar-David- Friedrich-Himmel. B. B. Kings achtköpfige Band steht auf der Bühne, stämmige Männer in ihren besten Jahren, ihr Sound ist kraftvoll, gravitätisch und groovy. Und sobald sich „The Exciting Mister Bee Bee Kiiiing!“, das musikalische Schwergewicht, auf seinem Stuhl niederlässt, erhebt sich das Publikum.

B. B. King hat seine schwarz-braune Gibson nach wie vor so wunderbar im Griff wie die ewige Geliebte. Er entlockt ihr verzückte Schreie, bringt sie zum Wimmern und Heulen. Reitet den Gitarrenton, gibt ihm funkensprühende Sporen auf die Saiten. Dazwischen ulkt der energetische Schwerenöter mit dem Publikum, sitzend zwar, aber von den Knien an aufwärts hat sein massiger Körper den Rhythmus dieser Welt. B. B. King ist sein eigenes Effektgerät. Und das lädt sich bei jedem seiner jährlich noch immerhin 200 Konzerte wie von selbst auf. „I am 79.“ So what? Roman Rhode

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KLANGKUNST

Auch Blattläuse

können singen

Im Rahmen des Festivals Inventionen05 erweist sich der Hofgarten des Podewil’schen Palais als geradezu fabelhaft geeignet für die Installation des Schweizer Klangkünstlers Andes Bosshard . Bosshard, ein bekennender Freund der Gartenbaukunst, hat die Atmosphäre und Akustik, die Klänge und die Bewegung der Blätter im Wind des Gartens lange studiert und bringt diesen nun mit 30 Lautsprechern zum Klingen. So tönt es aus wohlgeformten Glaskugeln, die wie Pilze aus dem Boden ragen, auch aus eleganten Edelstahlröhren und allerlei anderen akustischen Gewächsen.

Legt sich der Besucher auf eine der löblicherweise bereitgestellten Gartenliegen, so umgibt ihn zunächst eine überaus zarte, dezent gemischte Klangwelt: So müsste doch die ganze Stadt klingen! Der Klanggärtner Bosshard gestaltet flüchtige Binnenräme, wandernde Zwischenzonen und spontan auftauchende Hörtunnel aus den vielfältigsten Materialien zu einem sich ständig wandelnden Klangbild. Windsensoren formen die teils sehr geräuschhaften, teils auffallend harmonischen Collagen analog zu den sich wiegenden Zweigen und Blättern. Keine Frage: Selten kann man Klangkunst so differenziert erleben, gar utopische Qualitäten muss man Bosshards Werk bescheinigen. Wer anregende sommerliche Entspannung sucht, dem sei ein ausgiebiges Probeliegen dringend empfohlen. Ulrich Pollmann

Noch bis zum 17.7., Di – So 16 – 22Uhr. Informationen unter www.inventionen.de

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