Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

OPER

Diva

gut

Was mag der Maestro wohl kurz vor der Vorstellung noch angestellt haben? Zur „Evviva Verdi!“-Gala jedenfalls erscheint Roberto Rizzi Brignoli mit vollkommen zerknitterten Frackschößen auf der Bühne. Alles andere läuft dann aber zum Glück glatt beim Saisonabschluss-Konzert in der Deutschen Oper . Daniela Dessì muss sich zwar als indisponiert ansagen lassen, doch eine echte Diva entfaltet eben auch mit halber Stimmkraft noch volle Bühnenpräsenz: Dass sie im „Don Carlo“-Duett mit Fabio Armiliato die Elisabetta sehr vorsichtig angeht, die Liebesschwüre ihres früheren Verlobten wie resigniert, pianissimo abwehrt, hat sogar eine äußerst reizvolle, anrührende Wirkung. Durch den dankbaren Applaus angestachelt, wagt sie sich nach der Pause dann doch an den „Trovatore“, lässt im „tacea la notte placida“ jeden einzelnen Ton im silbrigen Mondlicht aufscheinen, tupft in der Stretta lässige Koloraturen und reckt zum Finish beide Hände gen Himmel. Bravos, Jubel.

Im Vergleich mit den samtig ausgepolsterten Stimmen mancher südamerikanischen Kollegen wirkt Fabio Armiliatos Tenor schmal und sehnig, doch er punktet bei Radames und Otello mit heldischer Verve und der wissenden Phrasierungskunst des Muttersprachlers. Bella figura machen auch die Hauskräfte: Der Chor folgt Rizzi Brignoli willig bei manchem extravaganten Diminuendo-Effekt, das Orchester genießt die Akustik der neuen Konzertmuschel, die noch die kleinsten, versteckten Details verdischer Tonsatzkunst hörbar werden lässt, auf die der körperbetont agierende Maestro so großen Wert legt. Wenn es im Januar 2006 dann „Evviva Puccini!“ an der Deutschen Oper heißt, wird das Ehepaar Dessì/Armiliato wieder dabei sein, mit „Manon Lescaut“.

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ARCHITEKTUR

Heilige

Dreiuneinigkeit

Es ist nicht viel mehr als der lose Faden der Werkbundzugehörigkeit, der die drei Projekte in der Werkbundgalerie (Goethestr. 13, bis 22.7., Katalog 15 €) verbindet. Schon im Gründungsjahr des Werkbundes 1907 fanden unter seinem Dach unterschiedliche Architekturkonzepte zusammen, von traditioneller Handwerklichkeit bis zu jener innovativen Industrieproduktion, die zum Motor moderner Gestaltung wurde.Unterschiedlich sind auch die drei Architekturprojekte für Berlin, die nun in Bild und Materialprobe zu sehen sind: Max Dudlers Planung für seine steinern strenge Bibliothek der Humboldt-Universität, gefolgt von Jan Kleihues fast fertigem Hotelhochhaus in der Augsburger Straße.

Mit einem steinernen Art-Deco-Retrokleid überzogen, setzt der Bau den unglücklichen Maßstabssprung in der City-West fort. Schließlich die „Schauhallen“ von Paul und Petra Kahlfeldt , dank derer sich das Industrieareal Oberschöneweide in ein Ausstellungszentrum für moderne Kunst verwandeln soll: Mit sicherer Hand für den gebauten Bestand wollen die Architekten die Industriearchitektur bewahren. Zugleich legen sie ihr ein in vier Orangetönen changierendes Gewand um und machen sie für die neue Nutzung fit. So frisch und unkonventionell ist dieser Entwurf, dass man sich wünscht: mehr von solchem Werkbunt-Geist in den Zentren der Stadt! Jürgen Tietz

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KLASSIK

Liebesgrüße

von Oberon

Es ist so still. Das alte Dorf Blankensee südlich Potsdams scheint in der Nachmittagssonne zu schlafen, als es von zahlreich flanierenden Gästen der Branden burgischen Sommerkonzerte aufgeweckt wird. Sie entdecken Landschaftspark und Schloss, einst Wohnsitz des Dichters Hermann Sudermann, der den Ort nicht nur mit seiner Vorliebe für römische Cäsarenbüsten geprägt hat. Auch sonst viel 20. Jahrhundert. Wir wandern durch eine sandige Wilhelm-Pieck-Straße und finden uns im Zentrum „Waldfrieden“ der Johannischen Kirche ein, wo in einer imposanten Doppelbogenhalle aus den Zwanzigern ein begehrtes, aufwendiges Konzert geboten wird. Vor dem Altar nimmt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Platz. Ein Wunderhorn eröffnet die „Oberon“-Ouvertüre. In Webers selten gespielter Oper kann das Instrument zaubern wie Taminos Flöte und Papagenos Glockenspiel, und nach dieser Intonation traut man ihm Mirakulöses zu. Gemessen an den üblichen „Landpartie“- Formaten ist das Programm üppig: Julia Fischer, die Tschaikowsky s Violinkonzert klischeefrei, in einer jungen Interpretation mit sauberer Technik vorträgt, darf noch eine Bach-Zugabe spenden, bevor die Pause auf den Rasen des Vorplatzes lockt. Der zweite Teil gehört der Eleganz von Bizet. Mit leichter Hand dirigiert Marek Janowski die C-Dur-Sinfonie und eine Suite aus der Musik zu Daudets Drama „L’Arlésienne“. Aber das Schönste bleibt die Oberon-Ouvertüre, weil Janowski mit seinem Orchester das romantische Brio aus feinem Pianissimo und Klarheit entwickelt. Sybill Mahlke

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