Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

ARCHITEKTUR

Man ist so alt,

wie man sich fühlt

Wer unter diese Säulen tritt, wähnt sich im 18. Jahrhundert. Dabei ist an der Staatsoper Unter den Linden kaum etwas so alt wie es aussieht. Der Kunsthistoriker Frank Schmitz hat nun zur Baugeschichte der Lindenoper eine kompakte und informative Ausstellung eingerichtet, die ihren Schwerpunkt auf den Wiederaufbau zwischen 1952 und 1955 legt (Apollo- Saal der Staatsoper, bis 12. September, tägl. 12-18 Uhr, Eintritt frei). Das im Auftrag Friedrichs des Großen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff entworfene und 1742 eingeweihte Opernhaus wurde allein dreimal wiederaufgebaut und dabei jeweils grundlegend verändert: 1843/44 nach einem Brand, 1941/42 nach der ersten und schließlich bis 1955 nach einer weiteren Bombardierung kurz vor Kriegsende.

Seither präsentieren sich die Innenräume in einem Rokoko der Fifties, das an Knobelsdorff bestenfalls erinnert – und doch mittlerweile selbst zum Denkmal geworden ist. Beispiel Apollo-Saal: Sein Fußboden lehnt sich an den des Marmorsaals von Schloss Sanssouci – Knobelsdorffs Meisterwerk – an, die Wandgliederung folgt dem dortigen Vestibül, die Deckenstuckatur dagegen hat sich Richard Paulick, der Architekt des letzten Wiederaufbaus, selbst ausgedacht. Paulick, der vom benachbarten Magazin- und Verwaltungsgebäude bis zum mit Hammer und Sichel bestickten (und wohl leider nicht erhaltenen) Bühnenvorhang alles entworfen hat, schuf ein Gesamtkunstwerk, das noch immer auf seine Sanierung wartet.

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FILM

Auch Häuser

sind mal beleidigt

Dass Eigenheime ein Eigenleben entwickeln können, ist Horrorfilm-Fans bekannt. Endlos ist die Reihe der „Haunted Houses“, die den Bewohnern das Leben zur Hölle machen. In Christine Nöstlingers Kinderbuch Villa Henriette wird das Motiv umgekehrt: Diesmal geht das Haus mit den Bewohnern ein freundlich symbiotisches Verhältnis ein. Der österreichische Regisseur Peter Payer („Ravioli“) hat Nöstlingers skurrilen Roman nun liebevoll für die Leinwand adaptiert (in Berlin im Broadway, Cineplex Spandau, Filmtheater am Friedrichshain, Titania-Palast). Drei Generationen wohnen unter einem Dach, jede hat ihre Macken und Neuröschen. Großmutter (Cornelia Froboess) investiert ihr Vermögen in die Entwicklung eines selbstaufladbaren Trittbrettrollers, der Großonkel (Branko Samarowski) verschanzt sich im Gewächshaus, der Vater (Lars Rudolph) meditiert vor der Kaffeemaschine, und die Mutter (Nina Petri) steckt täglich neue Fähnchen in die Weltkarte, weil sie als Flugbegleiterin für den Unterhalt aufkommt. Erzählt wird aus der Perspektive der zwölfjährigen Marie (Hannah Tiefengraber). Das Haus spricht mit ihr (mit der unverkennbaren Stimme von Nina Hagen), lässt im Beleidigungsfall die Rollläden herunter oder kündigt Gefahren durch unregelmäßige Stromversorgung an. Und dann fordert die Bank auch noch Hypotheken ein.

Regisseur Peter Payer und sein hervorragendes Ensemble zaubern eine amüsante Welt auf die Leinwand, die fest in der Realität wurzelt und immer wieder ins Fantastische entschwebt. Der leicht schräge Humor stammt dabei unverkennbar aus Österreich. Martin Schwickert

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KUNST

Ein Mann?

Oder doch eine Frau?

Es scheint, als husche die Gestalt nur durchs Blickfeld. Unscharf, verschwommen. Nur die Konturen sind zu erkennen. Einzelheiten verblassen durch die Bewegung des Körpers. Ist es ein Mann? Eine Frau? Wie und wohin bewegt er sich? Fragen, die in den großformatigen Fotografien von Chris Kremberg unbeantwortet bleiben. Es sind die Bewegungen, die für die Berliner Künstlerin entscheidend sind – nicht das Individuum als solches. Im Georg-Kolbe-Museum (Sensburger Allee 25) sind noch bis zum 21. August Arbeiten von Kremberg unter dem Titel Disappearance zu sehen.

Die Fotografien, mal schwarz-weiß, mal farbig, sind auf leicht glänzende Metallplatten (Aludibond) gedruckt. Es sind Bewegungen von Personen, die Kremberg mit verschiedenen fotografischen Techniken, aber auch Malerei und Videotechnik, festzuhalten versucht. Unschärfe wird dabei bewusst als Stilmittel eingesetzt. Der 34-jährigen Künstlerin gelingt es, Flüchtigkeit festzuhalten. Es ist die Vergänglichkeit des Augenblicks, den sie thematisiert. In jedem Bild steckt die Leichtigkeit des Tanzes, zu dem Kremberg seit ihrer Ausbildung zur Kostüm- und Bühnenbildnerin engen Bezug hat. „Disappearance“ wird im Anbau des ehemaligen Kolbe-Ateliers gezeigt. Dort stehen auch die Skulpturen Georg Kolbes. Der Gegensatz zwischen den starren Figuren und den unscharfen Fotografien verleiht Krembergs Arbeiten zusätzlich Dynamik. Swantje Dake

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