Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Eins und eins,

das macht frei

Zwei-Personen-Rockbands sind ein eher jüngerer Evolutionszweig der Musikgeschichte. Die White Stripes machten es erfolgreich vor, und in letzter Zeit sprießen Mini-Gruppen wie Pilze aus dem Boden. Die Vorteile sind nicht von der Hand zu weisen: Im Bandmobil kann man die Füße ausstrecken, und das Honorar muss nicht auf viele Köpfe verteilt werden. Im gut gefüllten Magnet Club werden Death From Above 1979 , die neueste Duo-Sensation aus Toronto, frenetisch bejubelt. Sebastien Grainger sieht mit Vollbart, Schiebermütze und adrettem Karo-Hemd nicht wie das typische Trommeltier aus. Aber das ist er: Entfesselt, wuchtig und mit fantastischem Timing prügelt er auf sein kleines Drumset ein. Die Mütze fliegt bald vom Kopf, von hinten sieht man nur die Stöcke wirbeln, dazu dengelt er auf der Kuhglocke rum und sorgt auch noch fürs manische Gekreische während der Dreiminuten-Eruptionen. Jesse F. Keeler malträtiert währenddessen seinen kniekehlentief hängenden Bass, entreißt ihm Metal-Riffs und brodelnde Notengewitter. Die Anwesenheit eines Gitarristen wird nicht vermisst, ganz selten würde man sich zum halsbrecherischen Groove-Core-Punk ein kurzes Schweinerock-Solo wünschen. Egal, die Stücke sind Lärm-Rohdiamanten, Melodien gibt’s woanders zuhauf, und nach einer Dreiviertelstunde rabiaten Krawalls ist man von der Existenzberechtigung dieser Rock-Kleinstformation mehr als überzeugt.

* * *

JAZZ

Gefährliche

Lidschatten

„Je ne veux pas travailler“ – „ich will nicht arbeiten“ heißt es in dem fröhlich swingenden Chanson, der so nett klingt wie sein Titel. „Sympathique“, vor Jahren im Werbespot eines französischen Automobilherstellers zu hören, stößt auch im rappelvollen Glashaus der Arena auf helle Begeisterung. Da steht nun, zum ersten Mal in Deutschland, die auf ein Oktett reduzierte Bigband aus Portland, Oregon, auf der Bühne. Und mixt einen farbenfrohen Cocktail aus exotischen Evergreens zusammen, dem sie auch eigene Zutaten beigibt. Pink Martini tauchen in die Welt der Kammermusik ein, streifen Chanson, Canzone, Jazz oder Film Noir-Soundtrack. Und folgen dem Erbe von Komponisten und Arrangeuren wie dem Spanier Xavier Cugat, der in den Vierzigerjahren Latin- Rhythmen an der US-Westküste populär machte.

Adrette Kleidung, musikalische Perfektion, ein bisschen Selbstironie: Pink Martini geben sich als entspannte junge First Class-Weltenbummler, die mit Luis Vuitton-Gepäck auf Reisen gehen. China Forbes, die polyglotte, in Paisley gewandete Lady am Mikrofon, bringt mit ihrer hervorragenden Wandlungsfähigkeit sogar eine asiatische Kopfstimme zustande. „You are incredible!“, ruft sie dem überschwänglichen Publikum zu. Mit „No Hay Problema“ spielt die Band eine perfekte, gesäuberte Reprise jenes Titels, den Art Blakey 1959 für den Film „Les Liaisons Dangereuses“ schuf. Reizvolles Easy-Listening, rauschfreie Exotik für den digitalen Hörgenuss. Roman Rhode

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben