Kultur : KURZ & KRITISCH

Uli Schüler

CHANSON

Tatenlos

tätig

Wer dem finnischen Tango verfällt, wird sonderbar: So zog etwa der finnische Schriftsteller M.A. Numminem für einen Roman durch 350 verschneite Kneipen, in sich viele Promille und den fast depressiven Klang des Tangos. Anders als der Tango Argentino steht sein finnischer Verwandter öfter in Moll, die Melodien steigen ab, nicht auf. Nun steigt Meret Becker auf die Bühne der Bar jeder Vernunft und widmet mit „Hølekin gen 35°“ der finnischen Sentimentalität, und unter anderem dem Tango, einen Liederabend. Mal als dämmernde Diseuse, dann wieder wie eine donnernde Diva, zwischen- durch auch Mädchen aus Berlin mit Textschwäche. Ob ein Tom-Waits-Song oder „La Paloma“ auf der singenden Säge – in allem wähnt Meret etwas Finnisches. „Wenn ich das täte, was ich kann, dann wäre ich tatenlos“, haucht sie ins Mikrofon, und hinter ihr rieselt widerspruchslos der animierte Schnee. Der Applaus mahnt das Gegenteil an. Was sie musikalisch nicht vermag, poliert ihre zweiköpfige Begleitung auf. Wehmütig, doch nicht ohne Eigensinn, führt Peter Wilmanns an den Blasinstrumenten manche Melodie aus der Einfachheit heraus, die Saiteninstrumente von Buddy Sacher geben sich skandinavisch eigenwillig. Meret fühlt finnisch, das Polarlicht bleibt jedoch unsichtbar.

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