Kultur : KURZ & KRITISCH

Nicola Kuhn

KUNST

Nackte

Tatsachen

Hart stoßen die schwarze und die weiße Fläche aneinander. Auf der Grenze liegt ausgestreckt ein nackter Frauenkörper. Wenige Striche, genauer: wenige Schnitte, benötigt Ernst Ludwig Kirchner zur Darstellung seines Mädchenakts, der den Untertitel „Die Tote“ trägt. In seiner Klarheit, Dichte und Dramatik ist der Holzschnitt ein kleines Meisterwerk, entstanden 1905, dem Jahr der Brücke-Gründung. Ein Frühwerk in jener Radikalität, die bezeichnend sein sollte für die zunächst vier Architekturstudenten, die sich im Sommer 1905 in Dresden zusammengetan hatten und sich mit all ihrer jugendlichen Energie auf die grafischen Medien stürzten.

An diese Anfänge und die elementare Entschlossenheit der jungen Künstler will das Brücke-Museum mit seiner Ausstellung früher Druckgrafik der Jahre 1904 bis 1908 erinnern (Bussardsteig 9, bis 11. September). Es besitzt mit 360 Arbeiten einen reichen Bestand, den es nun, da sämtliche Gemälde zu den großen, naturgemäß eher die reife Brücke betonenden Ausstellungen in Barcelona und der hiesigen Neuen Nationalgalerie entliehen sind, breitestmöglich präsentiert.

Darin liegt das Problem. Druckgrafik ist ein eher stilles Medium. Die Ausstellung tut nichts, um dem Besucher die Finessen, das Revolutionäre der Brücke-Grafik näher zu bringen. Ein Blatt hängt gleichermaßen gerahmt neben dem anderen, ohne Erläuterung, ohne Einteilung in Kapitel. Am Ende beginnen sich die Blätter zu gleichen. Hier wird eine seltene Chance ausgerechnet im Jubiläumsjahr vertan. Die Brücke ist zwar ein Selbstläufer, aber trotzdem bleibt Aufklärungsbedarf, zumal im Stammhaus – zugunsten der Besucher, die noch keine Experten sind.

LITERATUR

Gehetzte

Geschichte

Es geht um Wilco. Wilco, der Zwiegespaltene, und sein Auftritt als Wortexistenz im Magazin der Arena. Fünf Herren vom Jungschriftstellermagazin „Bella triste“ am Freitagabend auf provisorischer Bühne. Zwei, die sich an Worten, zwei, die sich an Kontrabass und Gitarre versuchen. Der Fünfte in der Mitte am Mischpult den Wechsel zwischen Instrumenten- und Wortklang regelnd. Stoffbahnen begrenzen den Raum, auf denen Videobilder toben. Mittendrin auf weichen Polstern liegt das Publikum und lässt sich, ganz dem Motto der Veranstaltung „Liegen und Lesen lassen“ verpflichtet, von Wilco erzählen.

Wilco derweil gibt sich sperrig: Der Kerl stolpert durch eine namenlose Stadt und ist sich selbst nicht grün. Seine Existenz in Frage stellend, wehrt er sich gegen das Offensichtliche. Wilco verflucht die gelackte Brokerbrut und muss im Spiegelbild erkennen: Er gehört selbst dazu. Da hilft auch der Faustschlag ins splitternde Glas nicht. Und wenn Wilco sich schon kaum begreift, dann soll es auch der Zuhörer nicht leicht haben.

Im Dialog, ab und an eine Stimme aus dem Computer dazu, schleicht oder hetzt die Geschichte voran, je nachdem. Satz um Satz in den Raum gestanzt, dann noch ein paar Gitarren- und Kontrabasstöne gestreut, bleibt kaum Zeit zum Denken. Der Kabelbrand in Wilcos Hirn schwelt bald auch im Kopf des Zuhörers. Literatur als Experiment, als multimediale Schocktherapie, die immer nur Fragment bleibt. Das Ende abrupt – es hinterlässt Stille im Raum. Elektronisches vom DJ löst nur langsam die Knoten im eigenen Kopf. Dirk Becker

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