Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Tanzen!

Jetzt!

Zwei Tage nach den Londoner Terroranschlägen ist es etwas befremdlich, einer Rapperin und Sängerin aus London zuzujubeln, die zu ihrem Auftritt Videoprojektionen mit Panzern und herabstürzenden Bomben zeigt. Aber die martialische Bildsymbolik, mit der M.I.A. ihren innovativen Sound-Clash unterfüttert, gehört nun einmal zur festen Ikonografie im Antiglobalisierungs-Pop, dem die Exil-Tamilin durch ihr von Bürgerkrieg und Flucht geprägtes Leben eine autobiografische Note verleiht. M.I.A., die eigentlich Maya Arulpragasam heißt, ruft am Sonnabend im rappelvollen Berliner 2Be Club auch nicht zur Revolution auf. Sie will Party machen, und diesen Job erledigt sie souverän mit Hilfe eines DJs und einer zweiten Sängerin. Die parolenartigen Texte werden durch „Hey Hey“ – und „Berlin“-Rufe massenwirksam akzentuiert, dazu webt der DJ auch mal ein paar Takte von Fremdsongs wie „Sweet Dreams“ oder „Hollaback Girl“ ein.

M.I.A.s eigentliche Wunderwaffe sind ihre Hände: Die schlanken Finger entfalten eine feine, komplexe Gestik, der das Publikum mit kollektiven Armbewegungen zu folgen versucht. Nach kaum 45 Minuten ist der Spaß vorbei – das großartige „Bingo“ spielt M.I.A. unerklärlicherweise nicht. Das Publikum will es kaum glauben und zerstreut sich im labyrinthischen Gebäudekomplex.

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KLASSIK

Träumen!

Sofort!

In Wien funktioniert es schon lange: Klassische Konzerte für Touristen, die einfach nur unterhalten werden wollen. Das hemmungslos populäre Programm klaubt sich von Mozart bis Johann Strauß das Beliebteste aus der lokalen Musikgeschichte zusammen und präsentiert es in scheinbar authentischem Ambiente: Orangerie Schönbrunn, Musikverein oder Kursalon – immer in barocken Kostümen, versteht sich. Davon gibt es in der Klassikmetropole Berlin zu wenig, meint Henning Borgwardt, der im Mozart-Orchester und bei den Wiener Philharmonikern gespielt hat, und veranstaltet jetzt die Reihe „Konzerte am Preußischen Hof“ (bis 27. August jeden Sonnabend) mit dem von ihm gegründeten Berliner Residenzorchester, das sich aus Musikern des Berliner Symphonieorchesters und der Staatsoper zusammensetzt.

Als historischer Ort muss vorerst die Gedächtniskirche genügen, die aber am Wochenende zu zwei Drittel mit Touristen gut gefüllt ist. Lokalbezug ist bei Friedrich dem Großen gegeben. Das Ensemble spielt sich erst warm, bei der Sinfonie Nr. 1 von Friedrich II. und der ersten Orchestersuite von Bach geht es noch recht träge und unbeseelt zu, aber das Air aus der dritten Suite gelingt ihm schon wesentlich besser. Highlight ist Nathalie Buck von der Deutschen Oper, die Zerlina und Papagena prägnant und hell Stimme verleiht, während ihr Partner Alexander Scheerer als Giovanni an diesem Abend recht müde wirkt. Ab Mai 2006 will man in der Orangerie in Charlottenburg spielen – in barocken Kostümen natürlich. Udo Badelt

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