Kultur : KURZ & KRITISCH

Moritz Hofmann

KABARETT

Deutschlandrettung

Die Krise eines Staates kann den kleinen Nörgler zur intellektuellen Hochform auflaufen lassen. Das wusste nicht zuletzt Thomas Bernhard. In dessen bester Manier referiert der Kabarettist Georg Schramm in seinem neuen Programm „Thomas Bernhard hätte geschossen“ (noch bis zum 31.7. bei den Wühlmäusen , Di–So 20 Uhr) über die Abgründe von Kapitalismus, Korruption und Krankenkassen. Und weil das in der Runde besser geht, versammelt Schramm seine „Scheibenwischer“-Alter-Egos zum Seminar „Deutschland helfen – aber wie?“: Es tiradieren unter anderem der Rentner Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben und der lebenslange Sozialdemokrat August. Ansatzlos verwickelt Schramm seine Figuren in einen Disput, blitzschnell wechselt er dabei zwischen ihnen hin und her und ist dabei schauspielerisch so präzise, dass wie auf Knopfdruck komplette Charaktere zu Tage treten. Ein minimal anderer Augenaufschlag, eine kaum merklich zitternde Hand, ein schlagartig reduzierter Wortschatz. Schramm führt seine Figuren dabei nie vor – im Gegenteil. Sie sind rhetorisch so stark, aufklärerisch, verführerisch, dass sein Publikum beinahe mehr zum Klatschen als zum Lachen tendiert. Eine jede Bundestagspartei kann sich einen Schramm mit seinen Dombrowskis und Sanftlebens für ihre Wahlkampf-Touren nur wünschen. Denn bis man alle argumentativen Sackgassen erkannt hat, ist man schon wieder auf dem Heimweg.

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KLASSIK

Knabendämmerung

Gibt es eigentlich Dopingkontrollen für Chorknaben? Betrachtet man die vielleicht sechsjährigen Jünglinge, die im Leipziger Thomanerchor den Sopran stellen, fragt man sich unwillkürlich: Wie schaffen die das? Wie können Kinder das durchstehen? Ein Niesen am Ende eines Satzes ist schon der äußerste Fehltritt, den sich einer der Knaben im Berliner Dom leistet – was man gerne verzeiht. Hier singt eine verschworene Gemeinschaft von Schülern, die mit Lust die Tradition eines der ältesten deutschen Klangkörper fortführen. Alle besuchen sie die Leipziger Thomasschule, der Chor probt täglich. Geistliche Musik steht im Mittelpunkt des Repertoires der Thomaner, allsonntäglich gestalten sie die Musik im Gottesdienst. Neben gesunder, aber unspektakulärer Hausmannskost wie zwei doppelchörigen Bachmotetten haben die sechzig Knaben (und jungen Herren in den Tenören und Bässen) auch Überraschungen im Programm. Die erst kürzlich uraufgeführten „Schalen des Zorns“ von Dimitri Terzakis strotzen vor hartenKlangballungen und strengen, kantigen Linien, die der Komponist altbyzantinischen Tonarten entlehnt. Spektakulär ist der „Sonnengesang“ von Reiner Dennewitz, die Thomaner geraten regelrecht in Trance. Aberwitzig dissonante Akkorde schichten die Knaben locker übereinander, geraten dann in präzise auskomponierten Aufruhr. Am Ende entfalten sie einen Spektralklang von einer Leuchtkraft, die vollends vergessen macht, dass hier ein Schülerchor singt. Ulrich Pollmann

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