Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

REGGAE

Würzwolken

ohne Sauerstoff

Ahh! Petrus muss ein Rasta sein und legt den Sonnen-Schalter um. Pünktlich zum „Irie“-Festival im Kesselhaus , das mit einigen Hochkarätern im Programm ein zahlreiches Publikum angelockt hat. Den Anfang macht Barrington Levy , verdiente Dancehall-Legende mit rotem Schlapphut und einer explosiven Backing-Band, die sich bereits nach dem ersten Song so in Hitze gespielt hat, dass die Songs übergangslos zusammenlaufen. In der Umbaupause herrscht Hektik bei den Veranstaltern, man ist im Zeitverzug und kriegt den Sound nicht hin – das merkt zunächst der fast blinde Frankie Paul , der mit seinen umarmenden Lovers-Rock-Qualitäten als erster von drei Sänger-Legenden auftritt, die im eigenem Land als abgehalftert gelten, weil man sich dort nur für die neuesten Ragga-Sensationen interessiert. Den altmeisterlichen Schunkel-Sound bestimmt kein anderer als Lloyd Parks , Bassist der ersten Reggaestunde, der an manchem Riddim mitgeschnitzt hat und mit seiner Band „We the People“ nun auch dem Urvater aller Rapper und Toaster den Rücken stärkt: U-Roy . Und man staunt nicht schlecht, wie viel Luft der alte Knabe noch kriegt, wie er mit seinem geschmeidigen, aber gleichwohl messerscharfen Toasting das Publikum begeistert. Auch Gregory Isaacs ist natürlich eine Klasse für sich. Der „Cool Ruler“ ist der ultimative Bad Boy der jamaikanischen Musikgeschichte (unzählige Alben, unzählige Knastaufenthalte), und er gibt immer noch den rauhkehligen Lonely Lover. Nach Mitternacht kommen noch Black Uhuru , wiedervereint mit Michael Rose und Duckie Simpson, dafür ohne Sly & Robbie, aber gut genug für ein psychedelisches Roots-Rock-Gewitter ihrer greatest hits mit schweren Dub-Effekten. Rauchschwaden und Basswummern, bis alle Sauerstoffatome das Kesselhaus verlassen haben – dafür riecht es nach „good Sensimilia“ – und sich das Publikum ebenso taub wie glücklich beim Bier erholen darf. Irie, Mann! Die haben sich echt Mühe gegeben.

* * *

KUNST

Marsmenschen

schauen dich an

Künstler sind manchmal entwaffnend ehrlich. Seine Kunst könne der Wirklichkeit wohl nicht das Wasser reichen, räumt Ronnie van Hout in einem Begleittext zu seiner Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien. Dem Arrangement aus Installationen, Textelementen und skurrilen Figuren hat der neuseeländische Künstler eine tiefstapelnde Überschrift gegeben: „Ersatz“ (Mariannenplatz 2, bis 17. Juli). Doch wer möchte sich schon ungefiltert konfrontieren mit dem Unheimlichen, das aus van Houts Kunstwelt aufsteigt? Das bodenlose Gefühl von Identitätsverlust etwa wird in einer Skulptur ins Märchenhaft-Kindliche übersetzt und damit erträglich: Auf einem Zweig hocken drei Kunststoff-Eulen und bohren kritische Blicke ins Auge des Betrachters. Ein Faden läuft vom Geäst zum Boden, daran ringelt sich die lautmalerische Buchstabenfolge „Who – Who – Who“ herab. Schaurig tönt’s: Wer sind wir? Könnten die zwei Cabanossi-Würstchen am Ende des Fadens die Antwort sein?

Ob wir allein im Weltall seien, lautet eine andere häufig gestellte Frage. Von Steven Spielberg wird sie kinokassenträchtig verneint. Van Hout gibt eine paradoxe Antwort: Seinem niedlichen Marsmenschen aus Polyester, der einem B-Movie der Fünfzigerjahre entsprungen scheint, klebt eine Hinweistafel an der Brust: „Forget“. Ein cleverer Trick: Auf diese Weise prägt sich das Wesen umso tiefer ein, ähnlich wie die skulpturalen Selbstportraits des Künstlers, deren porentiefer Wachsfigurenillusionismus zugleich abstößt und fasziniert. Auf einem Stuhl hockt ein bleiches van-Hout-Double im Kinderschlafanzug. Darüber eine Denkblase, in der ein Lautsprecher versteckt ist. „Ich bin so krank“, jammert eine seltsame Stimme. Nur eine Bandaufnahme, natürlich, aber die Stimme geht einem nicht aus dem Kopf. Jens Hinrichsen

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