Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Die Orgel

streicheln

Intimität zählt nicht unbedingt zur Qualität von Orgelkonzerten, schon gar nicht im wilhelminischen Berliner Dom. Der Schweizer Organist Olivier Eisenmann belehrt das zum zweiten Konzert des diesjährigen Orgelzyklus zahlreich erschienene Publikum eines Besseren. Sein Herz gehört der Spätromantik und der frühen Moderne. Und auch diese Musik von 1870–1940 hält für die Orgel eine Vielzahl von Stilen bereit: Es sind eben nicht die gewaltigen Klangmassierungen eines Max Reger oder die symphonischen Ergüsse Widors, die Eisenmann im Dom präsentiert.

Stattdessen beginnt er ganz unprätentiös mit drei Tonstücken von Niels Wilhelm Gade, feinen Studien voller faszinierender harmonischer Wendungen. Man ahnt bereits, dass Eisenmann den speziellen Charakter der Sauer-Orgel kennt und liebt, hier will jemand die Orgel streicheln. In der viersätzigen Sonate von Oskar Lindberg entfalten sich dann die wunderschönen Streicher- und Holzbläserregister dieses Instruments in aller Zartheit und Behutsamkeit. Es folgt eine virtuos-leichtfüßige Fantasie von Camille Saint-Saëns, dem wohl einzigen Komponisten des Abends, der einem breiteren Publikum bekannt ist. Mit den „Baskischen Landschaften“ von Joseph-Ermend Bonnal beschließt Eisenmann das sommerliche Konzert. Die filigran-folkloristisch getönten, dabei aber sehr komplexen Klangbilder des französischen Komponisten tauchen den Dom in mediterranen Glanz.

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KUNST

Die Sehnsucht

filmen

Wie sah der summer of love 1971 hinter dem Eisernen Vorhang aus? Wie die „Symphonie eines Stahlwerks“ in Krakau? Und was waren in Danzig vor vierzig Jahren die Sehnsuchts-Momente? Das britisch-polnische Künstlerpaar Neil Cummings und Marysia Lewandowska erhielt darauf überraschende Antworten bei seiner zweijährigen Recherche in polnischen Filmclubs. Ursprünglich hatte sich das Duo auf die Suche nach Spuren des Filmemachers Krzysztof Kieslowski gemacht. Dann aber stießen die beiden auf das verschüttete Material der polnischen Amateurfilmbewegung. Das Thema ließ sie nicht mehr los. Sie sammelten über 300 Streifen, in denen all die Begeisterung der zahllosen Laienregisseure aufbewahrt ist, die sie im Kommunismus kaum ausleben konnten. „Enthusiasm“ nennen Neil Cummings und Marysia Lewandowska deshalb ihre in den Kunst-Werken (Auguststr. 69, bis 11. September) gezeigte Präsentation.

Der Besucher betritt zunächst einen Raum, der einem untergegangenen Filmclub gleicht: Plakate und Urkunden an den Wänden, Pokale im Vitrinenschrank und abgeschabte Möbel mit OstblockCharme. Dann aber darf er sich wie im Lichtspieltheater fühlen, umgeben von samtschweren Kinovorhängen, zwischen denen die drei Filmschwerpunkte Liebe, Arbeit und Sehnsucht abgespielt werden. Der polnische Sommer des Jahres 1971 kommt – wie im Westen – natürlich nicht ohne Rockmusik, Sex und kühle Getränke aus. Am Ende flattern nur noch Schmetterlinge vor der Kamera: „Motyle“ auf Polnisch – so auch der Titel des Films. Nicola Kuhn

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ARCHITEKTUR

Den Stift

zücken

Unter den derzeit so erfolgreichen Schweizer Architekten nimmt Peter Märkli eine Sonderstellung ein. Weder ist er eine Diva wie das Duo Herzog und de Meuron, die München jüngst mit der Allianz-Arena beglückt haben, noch ist er ein Handwerker wie der in Berlin erfolglose Peter Zumthor. Eigenwillig sind die Entwürfe und Bauten Märklis gleichwohl. Gleich einem Besessenen greift er immer wieder zum Stift. Zahllose Architekturskizzen sind so entstanden, zumeist Fassadenansichten. Sechzig dieser Skizzen zeigt der dritte und letzte Teil der Ausstellungsreihe zum Dialog zwischen Architektur und Kunst in der Architektur Galerie Berlin (Ackerstraße 19, bis 6. August). In ihrer schlichten Gestalt sind diese Blätter im Format Din A 5 weit entfernt von jeglicher computergenerierten Perfektion. Unprätentiös, ohne Datum, ohne Signatur, führen sie als Frontalansichten die Häuser auf ihren archetypischen Ausdruck zurück. In jene Zeit vor der Geschichte, als die ersten Architekten begannen, ihren Gebäuden ein Gesicht – lat. facies – zu verleihen. So berührend einfach sind sie, wie Märklis bekanntester Bau, das Tessiner Museum La Congiunta für den Bildhauer Hans Josephson, dessen Reliefs auch in der Berliner Ausstellung den Widerpart bilden. Immer wieder fügt Märkli Arbeiten seines Freundes in seine Bauten ein, ja richtet die Architektur auf sie aus. Kunst und Architektur, hier bedingen sie einander. Jürgen Tietz

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