Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

COMEDY

Wie immer

bei Naddel

Hauptstadtsommer: Der Tip fragt sich, warum Angelina Jolie und Brad Pitt so sexy sind, bei Beate Uhse herrscht Hochbetrieb und in der Bar jeder Vernunft gibt’s Desirée Nick . Wenn der gefühlte Körperschwerpunkt unter die Gürtellinie rutscht, muss Deutschlands Zotenkönigin her, um das Spiegelzelt zu füllen (noch bis 14.8.). Als Best-of ist ihr Programm „Sturzgeburt einer Legende“ angekündigt, was vor allem heißt: die schmutzigsten Pointen, die geschmacklosesten Witze und die übelsten Nachreden. Nick weiß, was ihr Publikum will – Klatsch und Tratsch. „Ihr seid schließlich nicht gekommen, um mich singen zu hören“, raunzt sie, bringt sich aber doch schon mal mit einer Hand voll nett frivoler Chansons als Nachfolgerin von Helen Vita und Evelyn Künnecke in Stellung.

Schön schamlos gekräht, Frau Nick, doch das kann noch zwanzig Jahre warten. Das Bar-Volk sieht’s ebenso und spendet der Diva und ihrem Dauerbegleiter Volker Sondershausen freundlichen Applaus, während es entzückt aufjohlt, sobald von Annuschka Renzi, Naddel oder Dolly Buster die Rede ist. Nick schont niemanden, nicht sich selbst und nicht das Publikum, das sie hartnäckig nach den Details seines Intimlebens befragt. Nur die Schwulen, das treuste Stammpublikum der Hängetitten-Diva, bekommen ein paar Streicheleinheiten (dafür trifft’s die Lesben umso härter). Wer Nicks Geläster hören will, läuft eben Gefahr, selbst in die Schusslinie zu geraten. Nur ganz am Ende wird die Schandschnauze plötzlich besinnlich, krächzt wie ein weiser Rabe Fragen nach dem Sinn des Lebens ins Rund. Aber darüber will sich bei der Hitze eigentlich niemand so recht Gedanken machen.

* * *

THEATER

Wie damals in

den Ardennen

Wenn die lieben Verwandten zu Besuch kommen, hat man sich zu freuen. Dazu war das Publikum im Renaissance-Theaters gerne bereit, auch wenn der Besuch der Klimbim-Familie direkt aus der TV- Gruft kam. Doch von Verfall keine Spur: Als sich knarrend die Bühnen-Särge öffneten und die deutsche Fernsehgeschichte sich selbst reanimierte, da wurde gejohlt, und man fühlte sich an gute Zeiten erinnert. Die Klimbims aber, in vollständiger Ur-Besetzung angetreten, hatten sich das wohl anders vorgestellt: Ungläubig stehen sie vor ihrer eigenen, anachronistischen Existenz.

Sie vermissen Willy Brandt („Der Posten wird scheinbar nicht mehr besetzt!“) und kommen auch mit Hartz IV und Rentenansprüchen ins Schleudern. Die Klimbims im Jetzt. Als Klamauk noch nicht Comedy hieß, das Privatfernsehen Träumerei war, und auf harte Zoten ein amüsierter Schlag auf Schenkel in Polyester- Hosen folgte, da schrieben wir die siebziger Jahre. Und die sind ziemlich weit weg. Ingrid Steeger aber hopst auf der Couch herum, als wäre es gestern gewesen. Frau Volkmann trifft wieder das hohe C und auch die bestrapsten Beine sind noch elastisch. Das Paradox: Inzwischen scheint Opa Klimbim (Wichart von Roell) die straffste Haut von allen zu haben – „wie damals in den Ardennen“. „Klimbim ist wie ein Marmorstein im Wind“, sinniert das Familienoberhaupt. Und es hat recht: Die Simpsons, die Adams, die Bundys – alle Clans nach ihnen waren nicht dasselbe. Also bitte, liebe Verwandte, kommt herein, das Gästebett ist frisch bezogen. Uli Schüler

PANTOMIME

Wie heute

auf dem Olymp

Er ist nicht nur der größte, sondern ganz bestimmt auch der dienstälteste Pantomime der Gegenwart: Marcel Marceau . Wenn er mit seinem Programm unterwegs ist, heißt es, dann lebt der 82-Jährige auf. Da geht er denn gerne auch mal ins Kino, in einen Klassiker wie Renoirs „La Grande Illusion“. Filme wie das Remake von „Starsky & Hutch“, in dem Marceau von Ben Stiller parodiert wird, nimmt das unsterbliche Kind des Olymps allerdings weniger zur Kenntnis.

Längst verkörpert Marcel Marceau seine eigene Legende. Und die Menschen wollen ihn immer noch und immer wieder sehen, wie jetzt in der ausverkauften Komischen Oper . Ob in satirisch parodierenden Nummern wie „Der Volkspark“, mit der berühmten Selbstumarmung, an der sich einst auch James Bond versuchte, ob in Allegorien wie „Die Schöpfung der Welt“ oder als die 1947 erschaffene Kult-Figur des Monsieur Bip – Marceau vermag es noch immer, Momente großer Magie heraufzubeschwören. Wie wenig sich sein Alter in der Schnelligkeit bemerkbar macht, ist erstaunlich. Vor allem das Spiel seiner Hände ist noch immer virtuos und scheinbar mühelos. Das Berliner Publikum lohnte es ihm mit Standing Ovations. Tobias Schwartz

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