Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

FOTOGRAFIE

Die braune Erna

„Lieber Gott, mach mich blind, dass ich Goebbels arisch find“, verspottete einst der Volksmund das nordische Aussehen der NS-Führer. Ein paar Witze über ideologische Fallrückzieher hätten der Ausstellung „Menschenbild und Volksgesicht. Zur Porträtfotografie zwischen Konstruktion und Propaganda“ sicher gut getan.

Doch die Aufnahmen engelhafter oder knorriger Bauern, von Handwerkern und Kindern vom Lande, aus denen Erna Lendvai-Dircksen von 1932 bis in die Sechzigerjahre eine Enzyklopädie des „deutschen Volksgesichts“ veröffentlichte und zwanzig Bildbände (Gesamtauflage ca. 250000) zusammenstellte, werden im Museum Europäischer Kulturen mit dem antifaschistischen Zeigefinger vorgeführt (Im Winkel 6/8, Dahlem, bis 30. 10., Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr) Es wäre interessanter gewesen, sich der Mitläufer-Figur dieser erfolgreichsten deutschen Fotografin, die vor dem Volksgesichtshof ihres Objektivs eine naive Herrenrasse inszenierte und nach 1945 rassistische Motive abgestritt, biografisch zu nähern. Es wäre mutiger gewesen, das Werk dieser verklemmten Nazisse mit Portrait-Konstrukten heutiger Werbung zu konterkarieren – statt politisch korrekt mit dem Film „Sinfonie einer Großstadt“ von 1927 und einer multikulturellen Passfoto-Parade Berliner Kitas im Jahr 2005.

Die braune Erna hat Hautfalten und Profile wie geweihte Landschaften und mit Licht und Schatten das Pathos der Vorsehung festgehalten. Ihre von altdeutscher Kunst inspirierten Fotos bedienten den Bilderkanon des Regimes und die eigene Karriere perfekt. Als Gegenstand ihrer großen Liebe bezeichnete sie 1933 den Menschen, „der noch in der Einheit des Wesens steht“. Darf man so träumen? Darf man so knipsen? Fotografie ist Welt-Anschauung.

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KLASSIK

Der starke Chlodwig

Als der heidnische Frankenkönig Chlodwig anno 496 gegen die Alemannen ins Feld zog und das Schlachtenglück sich gegen ihn wandte, erinnerte er sich der Worte seiner holden Chlothilde: Nur der Christengott könne ihm zum Sieg verhelfen. Da richtete Chlodwig seinen Blick himmelwärts und schwor Bekehrung, wenn nicht sein Blut, sondern das seiner Feinde fließe. Die Friedenskirche in Potsdam war am Freitag der Ort, die Wandlung Chlodwigs vom Heiden- zum Christenkönig zu erleben, heute gastiert die Inszenierung in der Berliner Parochialkirche (Klosterstraße, Mitte, 20 Uhr). Das brandenburgische Opernensemble I Confidenti und die kanadische Les Voix Baroques haben das Oratorium La Conversione di Clodoveo, re di Francia von Antonio Caldara (1670-1736) aus dem Archiv als szenische Erstaufführung in zwei Akten auf die Bühne geholt.

Unter schlichtem Baldachin zum Kampf entschlossen Chlodwig (Allyson McHardy), Chlothilde (Nathalie Paulin), dem Gemetzel ihres Gatten überdrüssig, gibt sich widerborstig. Und so warb Chlodwig mal sanft, mal fordernd, während Chlothilde sich warnend seiner Avancen erwehrte. Da half nur Rat vom heiligen Remigius, herausragend gesungen von Suzie LeBlanc. Im zweiten Akt ein siegreicher und bekehrter Chlodwig, der nun zur Taufe drängte. Ruhiger das Spiel der Musiker unter der Leitung von Alexander Weimann. Ruhiger auch, fast kontemplativ der Gesang. Dirk Becker

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