Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

JAZZ

Jedes Bienchen

macht ein Tönchen

Anders als im Rock hat die Gitarre im Jazz eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Das ist auch im Tränenpalast zu beobachten, wo einer der renommiertesten Jazzgitarristen als Bandleader auftritt: John Scofield hat mit Miles Davis, Chet Baker und anderen Legenden gespielt, aber den Applaus erntet Chris Potter. Der bläst auf dem Tenorsaxofon expressive Soli – virtuos, aber wenig ensembledienlich. Scofield wirkt dagegen zurückhaltend wie ein freundlicher Insektenforscher, bei dem der mad scientist durchschimmert, wenn er mit vorgerecktem Unterkiefer seltsame Grimassen zu seinen Solos macht. Zum nervös zischelnden Beat von „Groove Elation“ zaubert Scofield fein mäandernde Läufe aufs Griffbrett seiner schwarzen Ibanez, ehe Potter mit aufgeblähten Backen alles zusammenhupt. In der Potter-Komposition „Migrations“ brilliert Scofield mit einem unglaublichen Soloexzess, bei dem er, oft nur für Sekundenbruchteile, durch diverse Stillagen der Jazz- und Rockgitarre jagt. „Do I Crazy“ bringt den großen Auftritt von Drummer Bill Stewart: Über Minuten hält er eine nervenzerreißende Spannung, weil er nur andeutet, welche Explosivität er dem kleinen Trommelset jederzeit entlocken kann. Statt Potters Power-Solis hätte man sich mehr von den Unisono-Passagen gewünscht, die die elegante Ballade „Six and Eight“ und Ray Charles’ Hymne „Georgia on my Mind“ veredeln. Nach zwei Stunden und der coolen Country-Persiflage „ShoeDog“ als Zugabe wird die Band mit viel Beifall in den Feierabend entlassen.

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OPER

Die Sonne scheint

bei Tag und Nacht

Bei einem Opernabend unter freiem Himmel ist wichtig: Bleibt es trocken? Ist die Luft warm und das Bier kalt? Schmeckt der mitgebrachte Nudelsalat? Wenn alles stimmt, kann man sich getrost dem Kunsterlebnis aus dem Lautsprecher zuwenden. Dass der Sänger links steht und die Stimme von rechts kommt, was macht das schon. Musiktheater mit Biergartencharakter findet große Resonanz, wie die gut gefüllte Waldbühne zeigt. Und wenn die Produktionsfirma Star Entertainment mit Carmen die meistgespielte Oper zeigt, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Alles wie erwartet: Das romantische Spanienbild, das an Bizets Werk seit seiner Entstehung zäh klebt, wird affirmiert, allerdings mit erlesener Lustlosigkeit. Die Bühne ist zugemöbelt mit gängigen Klischees: Stier, Windmühlen, verdorrte Palmen und gelbe Arkaden mit rote Vorhängen, die leider das Orchester des Staatstheaters Lemberg (Leitung: Jörg Iwer) in die Unsichtbarkeit verbannen. Luigi Frattolas Don José ist ein starrer Langeweiler, Christian Tschelebiew als Escamillo nudelt seine Stierkampf-Arie herunter. Getragen wird der Abend von zwei Italienerinnen: Anna Valdetarra gibt der Micaëla mitreißend Fülle und Form, und Monica Minarelli singt die Carmen mit herber, aber durchdringender Stimme tapfer gegen alle Steine, die ihr die Lautsprecheranlage in den Weg legen. Nun wandert die Produktion weiter, aber wichtiger ist doch: Ist noch was von dem Nudelsalat da? Udo Badelt

TANZ

Mein Körper

hat den Blues

Lazarus wurde von Jesus wiederbelebt, berichtet die Bibel. „Lazarus Sign“ ist ein medizinischer Fachausdruck für ein makabres Phänomen: hirntote Menschen bewegen sich noch. Sie wackeln mit den Zehen und stehen manchmal sogar auf. „ Lazarus Sign “ hat nun Christoph Winkler sein neues Tanzstück betitelt (wieder 18. und 21.–24.7., 21 Uhr in den Sophiensälen): Der Choreograf gibt den Doktor am Sterbebett. Keine fröhliche Auferstehung wird hier gefeiert. Stattdessen müssen die acht Tänzer Totstellreflexe einüben und aller Tanzlust entsagen. Die Bewegungsimpulse durchzucken den Körper jäh, um sogleich zu ersterben. Statt Fluss und Harmonie sieht man nur sezierte Bewegungen. Der stadtbekannte Exzentriker Howard Katz Fireheart versucht sich mit tiefgelegter Stimme als Bluesman, er berichtet von einem klinischen Fall und gibt den notorischen Prediger. In die Hirntoddebatte mischt Winkler sich nicht ein, wohl aber will er Stellung beziehen zum Leib-Seele-Dualismus, einem philosophischen Klassiker. Die Lazarus-Zeichen verklärt er zum „Blues des Körpers“, der befreit ist von der „kognitiven Dominanz“. Doch dies ist kein Abend der Grenzerfahrungen. Die Tänzer haben keineswegs den Blues, sie zeigen vielmehr Symptome, die sofort den Physiotherapeuten auf den Plan rufen müssten. Immerhin gibt es ein paar musikalische Raritäten zu hören, etwa das schöne Gitarrenstück „Dance of Death“. Da lässt sich Florian Bilbao sogar zu Kapriolen hinreißen. Ansonsten ist „Lazarus Sign“ eine einzige intellektuelle Verkrampfung. Sandra Luzina

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KUNST

Gott denkt

in Schnörkeln

„Nichts ist alles“, lautet ein Bildtitel in der Ausstellung Moderne Kalligraphie persischer Künstler im Ethnologischen Museum (Arnimallee 27, Dahlem, bis 30. Okt., Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr). Das Werk verlangt dem Betrachter Geduld ab, will er es entschlüsseln. Ein Kreis aus Sätzen, inspiriert von dem Mystiker Krishnamurti: „Was rund ist – ist Kreis – Was Kreis ist – ist perfekt – Was perfekt ist – ist Leben.“ Neben der deutschen Version hängt die persische; neben den harten Druckbuchstaben schweben die schwungvollen arabischen Zeichen. Die gleiche Botschaft – und doch ein vollkommen anderes Bild. Wenige vermögen sich vom Orient, erst recht vom modernen, ein Bild zu machen. Das soll sich mit der für 2008 geplanten Dauerausstellung „Die Welt des Islam“ ändern. Die Schau zweier zeitgenössischer, auch im Iran erfolgreicher Künstler ist eine gelungene Einstimmung auf das Unternehmen. Mahmoud Mirzaie beschäftigte sich schon während seines Kunststudiums in Teheran mit Kalligraphie. Seit Mitte der Achtzigerjahre lebt er in Deutschland, wie auch Shala Safarzadeh. Ihre Arbeiten sind ebenfalls von der arabischen Schrift inspiriert, doch variiert die Künstlerin ihre strenge Form, wodurch sie sich westlicher Ästhetik nähert. Durch ihre ausgreifende, freie Linienführung verleiht sie einer gestrengen Tradition, bei der die Suche nach Gott und die Selbstvergessenheit des Individuums igentlich im Zentrum steht, eine höchst subjektive, emotionale Bedeutung. Rebecca Menzel

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