Kultur : KURZ & KRITISCH

Paul Bräuer

KLASSIK

Das Ferne

so nah

Das romantische Kunstlied birgt ein Problem: Einerseits lebt es von der Nähe zwischen Hörer und Sänger, andererseits aber auch und gerade von Themen der Ferne, der Reise. Vermitteln soll hier der Interpret. Zum Start ihrer sommerlichen Förderkonzerte gibt die Gotthard- Schierse-Stiftung dem jungen Martin Berner Gelegenheit, dem Berliner Publikum in Liedern voller Naturbilder jene Ferne nahe zu bringen. Im vollbesetzten Curt- Sachs-Saal des Musikinstrumentenmuseums beginnt der Bariton mit Ludwig van Beethovens Liedzyklus „An die ferne Geliebte“. Um diese zu erreichen, heißt es im Text, müsse man „aus der vollen Brust ohne Kunstgepraeng“ singen. Das mit der vollen Brust ist bei Berner kein Problem. Sein robustes, müheloses Stimmvolumen hat er bei Beethoven ebenso sauber unter Kontrolle wie bei den etwas übereilig vorgetragenen Liedern von Franz Schubert, deren Lautmalereien und Stimmungswechsel dem Nachwuchssolisten einiges abverlangen. Das „Kunstgepraeng“ kann Berner dagegen insbesondere in seiner Mimik nur allmählich ablegen. Etwas mehr Lockerheit würde ihm gewiss gut zu Gesicht stehen. Wenn er Nuancen der „Histoires naturelles“ von Maurice Ravel unterschlägt, tut er es dennoch überzeugend. Am intimsten gelingen Berner die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler. Hier zeigt auch Pianist Martin Zugehör (!) sein Können: Aus dieser Begleitung spricht Mahlers Orchesterfassung. (Am kommenden Sonntag um 11 Uhr präsentiert sich im Musikinstrumentenmuseum das Gitarren-Duo Melis).

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THEATER

Das Komische

so tragisch

Hamlet (Christian Banzhaf) hat Heidegger richtig verstanden: Er ist komisch. Mit Heideggers Hauptwerk in der Hand stellt er sich die Frage nach dem Sinn vom Sein. „Das Dasein ist dasjenige Seiende, dem es in seinem Sein ums Sein geht.“ Hamlet versteht: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“

Shake heißt das Zelt am Ostbahnhof , an dessen Stelle in naher Zunkuft ein Berliner „Globe“ entstehen soll. Vor schlichtem Bühnenbild in glutroten Tönen auf schwarzem Hintergrund bieten die überzeugenden Schauspieler der Berliner Shakespeare Company mit wenigen Requisiten einen für laue Sommerabende wünschenswerten Shakespeare dar: kurzweilig und humorvoll. Sogar mit echtem Degenkampf. Die Darsteller des berühmten Stücks im Stück werden zu leibhaftigen Marionetten Hamlets, Zuschauer überlassen dem Königspaar ihre Plätze und weichen auf Plastikstühle aus. Moderne Musiksequenzen – etwa von Penderecki – wechseln mit Slapstick-Einlagen (Basketball spielen mit Yoricks Schädel). Und ab und zu toben die Schauspieler ganz einfach nur durch den Zuschauerraum. Thomas Weber-Schallauers Inszenierung nach eigener modernisierter Textadaption kokettiert stark mit dem Boulevardtheater, doch die daraus resultierende Leichtigkeit schadet Shakespeare nicht. Ausgerechnet den tragischen Hamlet derart komisch zu erleben, ist gewiss ungewöhnlich. Dass das Tragische ohne das Komische nicht auskommt, dürfte allerdings eine alte Weisheit sein. Der ins Zelt dringende Straßenlärm jedenfalls tut diesem charmant-witzigen Abend keinen Abbruch. Tobias Schwartz

Weitere Vorstellungen am 20., 21., 23., 27., und 28. Juli sowie am 13., 17., 18., 27. und 31. August

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