Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Frisch aus

der Gruft

Mama, der Mann mit der Guillotine ist wieder da! Hysterisch lässt er die schwarzummalten Augäpfel rollen, flattert mit den Wimpern und pumpt die Brust auf: „What’s My Name?“ Keine Frage: Alice Cooper . Wieder einmal ist der nimmermüde Schockrocker, von seinen Fans kultisch als Menschensohn verehrt, seiner Gruft entstiegen. Heute kaum vorstellbar, aber es gab eine Zeit, da hat Vincent Damon Furnier, wie er im richtigen Leben heißt, den Leuten richtig Angst gemacht.

Beim Konzert in der Columbiahalle gibt es freilich nichts, was einen noch erschrecken könnte. Dafür brüllt der 57 Jahre alte Rockstar lauthals „I’m Eighteen“ und wackelt mit dem Krückstock. Die Zeitreise ist das Ereignis des Abends – ein Teil Paranoia in der Puppenkiste, ein Teil Alkohol-Kater-Sentimentalitäten, gut umrühren und der Glorienschein der siebziger Jahre verwandelt sich – gerade so, wie sich in alten Horror-Filmen blühende Schönheiten in halbverweste Wasserleiche verwandeln. Dazu hören wir breitbeinige Rumms-Gitarren, prächtige Chorus-Lines, massive Sleaze-Rock-Sounds, die zu 90 Prozent aus abgenudelten Hardrock- Riffs bestehen, die schon vor zwanzig Jahren abgenudelt waren. Und Herr Cooper singt noch immer, als hätte eine Kragenspitze seine Kehle geritzt und die letzten Tropfen müden Bluts vergossen.

„Only Woman Bleed“, die grausamste aller Balladen, steigert sich zum gedämpften Seelensturm, in einer Weise, dass man sich am liebsten in jenen Sarg legen möchte, der für ein wenig Gruselstimmung auf der Bühne steht. Währenddessen hüpft Coopers Tochter Calio als peitschenschwingende Domina über die Bretter oder als Krankenschwester, die ihren Papa für „The Ballad of Dwight Fry“ in die obligatorische Zwangsjacke steckt. Dann kommt schon die Guillotine und ganz zum Schluss die Klopper „School’s Out“, „Poison“ und „Under My Wheels“, bei denen die Alt-Fans ihre Fäuste recken und jede Textzeile mitgrölen, während bunte Luftballons durch den Saal schweben, die der Urahn von Marylin Manson mit einem Degen zerplatzen lässt. Nicht schlecht für einen, der seit mehr als dreißig Jahren seinen Kopf verliert.

INSTALLATION

Echt aus dem

Morgenland

Der 24-jährige Mohammed Ali spricht einwandfrei Englisch. Er selbst aber nennt sich „Junior“, da sein Name eindeutig arabisch ist und im Westen schnell zur Belastung wird. Per Kopfhörer hört man ihn über sein Leben und seinen Beruf, seine arabischen Wurzeln und sein Verhältnis zum Westen berichten. Sein leicht verschwommenes Porträt – die Unschärfe ist Konzept – hat man dabei stets vor Augen. „Von der Staatsangehörigkeit her bin ich Ägypter, vom Ursprung Araber und außerdem ein Weltbürger“, erklärt der Wirtschafts- und Politikwissenschaftsstudent, der derzeit in Dubai im Marketing arbeitet. Studiert hat er in Kairo, Mailand, Los Angeles und London. Osama bin Laden verstößt seiner Meinung nach gegen alle religiösen Konzepte seines Glaubens, des Islams. Trotz dieser differenzierten Haltung dem islamistischen Terror gegenüber begegnet er in Amerika und Europa vielen Vorurteilen – nur weil er Araber ist.

Mohammed Ali ist einer von vielen jungen Arabern, die in Dubai von der freien Künstlerin und Fotografin Bärbel Möllmann und der freien Journalistin Julia Gerlach fotografiert und interviewt wurden. Neun ausgewählte Interviews mit einer Länge zwischen zwei und sieben Minuten sind unter dem Titel „Was hältst du vom Westen?“ im Zentrum Moderner Orient (ZMO) nun als audiovisuelle Installation zu erleben. Die Befragten stammen aus unterschiedlichen Milieus und nehmen ebenso unterschiedliche Positionen ein. Diese reichen von Ablehnung („Jede Art von Fanatismus führt zu Zerstörung“) bis zum Verständnis für radikale islamistische Organisationen („Ich mag die Hamas … die Hizbollah“). Die jungen Araber wurden meist auf der Straße angesprochen und vor Orten ihrer Wahl fotografiert. Der Mitschnitt von Hintergrundgeräuschen lässt die Unschärfe der Fotos authentisch erscheinen. Oft herrschen Neugier und Unsicherheit dem Westen gegenüber vor. Mindestens so unsicher und überrascht freilich zeigen sich westliche Besucher der Installation angesichts der englischen Sprachkenntnisse der jungen Araber (ZMO, werktags 9-16 Uhr, bis 28.Juli). Tobias Schwartz

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