Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

INSTALLATION

Die Welt

ist schön

Ingeborg hütet ihre Diamantkette, Lovis seinen Spielzeugbagger und Jochen eine CD mit Callas-Arien: Lauter Privatschätze hat die Künstlerin Sibylle Hoessler gehoben und in der Fotoinstallation „Luggage“ zusammengestellt. Für jeden der sich auf diese Weise selbst porträtierenden 14 Deutschen – vom Kind bis zur Oma – ist ein wunschgemäß gestalteter Koffer, der aufgeklappt als Bildrahmen für jeweils zehn Objekte dient, zu betrachten im Museum für Kommunikation (Leipziger Straße 16, bis 14. August, Di–Fr 9–17, Sa–So 11–19 Uhr).

Sibylle Hoesslers Projekte siedeln an der Grenze zwischen Individualität und Verallgemeinerung. Im Jahr 2000 fragte sie Politiker, was sie mit dem Begriff „Deutsche Leitkultur“ anfangen können – und erhielt höchst unterschiedliche Antworten. Überraschend dagegen das einmütige Echo auf ihr „Luggage“-Projekt, das bereits verschiedene europäische Länder bereist hat. Spanier, Polen oder Norweger fanden die deutsche Objektauswahl der Deutschen sehr nachvollziehbar und hätten nach eigenem Bekunden Ähnliches in den Koffer gepackt. Auch Hoesslers zusätzlich gezeigte Video-Interviews zeugen vom europäischen Zusammenwachsen. Gleichmacherei? Keineswegs. Besonders aus den Privatuniversen der 14 Deutschen spricht der Wunsch, einzigartig zu sein. Mit Allerweltsware wie Handy oder Haushaltsreiniger beschreibt sich keiner. Einen Leuchtglobus wollte der 13-jährige Lovis aus Hamburg unbedingt im Koffer haben. „Da kann man sehen, wie die Welt so aussieht“, notiert er: „Sie sieht schön aus.“

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KUNST

Der Platz

ist leer

Ein schöner Zufall, dass der 125. Geburtstag des Architekten Bruno Taut ins Jahr des Brücke-Jubiläums fällt, teilte der berühmte Baumeister doch die Leidenschaft der legendären Künstlergemeinschaft: die Farbe. Taut, inspiriert vom Expressionismus, entwarf leuchtend bunte Arbeitersiedlungen. Eine Ausstellung im Gehag-Forum stellt Fotografien und Aquarelle aus Tauts Nachlass – der Architekt war auch Maler – neben die farbenprächtigen Berlin-Bilder zweier Nachwuchs- Expressionisten (Mecklenburgische Straße 57, bis 26.August, Mo–Fr, 9–19 Uhr) . Günter Kokott (67) und Hans Stein (70) studierten Ende der Fünfzigerjahre an der Hochschule für bildende Künste in Berlin, wo neben dem Expressionisten Max Kaus auch der schweigsame Brücke- Gründer Karl Schmidt-Rottluff lehrte.

Einfache Formen, kraftvolle Konturen und leuchtende Farbigkeit sind ein Erbe, das man in den kleinformatigen Farbskizzen Kokotts und den Ölgemälden und Lithografien Steins wiederfindet. Im dritten Stock schließlich die riesigen Bilder Hans Steins, darunter ein glutrotes Triptychon, das inmitten der braunen Bürotüren des Gehag-Gebäudes wie ein Warnsignal aufleuchtet. Es zeigt den Potsdamer Platz als Baustelle, seltsam tot mit verlassenen Baggern und scharf konturierten Rohrleitungen. Birgit Rieger

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