Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Die Bibel

als Tagebuch

Es ist das erfolgreichste Buch der Welt: Die Bibel erlebte nicht nur unzählige Ausgaben, Bearbeitungen und Kommentare, sondern durchlief auch einen fundamentalen Bedeutungswandel. Im hohen Mittelalter sollte sie als heiliges Buch während der Messe Zauderer überzeugen; 300 Jahre später interessierte eher die persönliche Ausdeutung von Bibeltexten. Aus goldglänzenden Kultgegenständen sind Quellen privater Andacht geworden. Im Rahmen der Kampagne „1000 Jahre Christentum“ von Kulturland Brandenburg stellt nun eine Doppelausstellung zwei sehr unterschiedliche Bibeln vor: Aus dem Brandenburger Evangelistar , einer kurz nach 1200 entstandenen Prachthandschrift, wurde an Feiertagen in der Domkirche vorgelesen. Seine Miniaturen künden vom machtpolitischen Anspruch des von Otto I. begründeten Bistums (Brandenburg, Dommuseum, bis 9. Okt., Katalog 16,90 €). Das Berliner Stadtmuseum präsentiert seine 1541 gedruckte Luther-Bibel aus dem Besitz des Hallenser Seidenstickers Hans Plock (Berlin, Nikolaikirche, bis 9. Okt., Katalog 7,80 €). Plock diente Kardinal Albrecht von Brandenburg, dem mächtigsten katholischen Kirchenfürsten seiner Zeit. Privat bekannte er sich zu Luther. Dessen Bibelübersetzung kommentierte er mit Randbemerkungen, benutzte Seiten als Tagebuch und schmückte sie mit Zeichnungen, darunter vier seines Freundes Mathis Grünewald. Freier kann der Umgang mit einer heiligen Schrift kaum sein.

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FILM

Der Mond

als Zeuge

Ein Rummelplatz am Abend: Glühbirnen blinken, das Karussell dreht sich zu Leierkastenmusik. Am Himmel leuchtet der Vollmond. Da starrt eine Wahrsagerin auf die Handlinien von Becky (Shannon Elizabeth): „Ich sehe ein Biest.“ Keine fünf Filmminuten später wird Becky von einer haarigen Bestie ins Unterholz gezerrt. Verflucht (in fünf Berliner Kinozentren) setzt eindeutig auf Horror. Aber Regisseur Wes Craven gibt sich nicht mit Blut, Gehirnmasse und abgeschlagenen Körperteilen zufrieden. Der Vorfall geschah auf dem Mulholland Drive – eine Anspielung auf David Lynchs gleichnamigen Film. Und wie Lynch spielt auch „Verflucht“ ein bisschen prätentiös – oder augenzwinkernd – mit Fiktion und Realität. Doch Horrorfilm bleibt Horrorfilm. Ellie (Christina Ricci) und Jimmy (Jesse Eisenberg) müssen erkennen, dass ein Werwolf am Werk ist, und nun macht er sie mit einem Biss zu seinesgleichen. Während Jimmy sich wissenschaftlich mit dem Werwolf-Mythos auseinander setzt, schnüffelt Ellie einer nasenblutenden Kollegin hinterher. Der Film ist albern, schnulzig, erhebend, und etwas Wissenschaftssprech geht auch noch. Zuviel des Blutens. Swantje Dake

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