Kultur : KURZ & KRITISCH

Uli Schüler

KABARETT

Kreischmöwen

in Spree-Athen

Die Möwen über der Spree kreischen, so laut sie können, doch sie kommen nicht an gegen Georgette Dees Chanson „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ . Die Seevögel lassen sich nicht entmutigen, kreisen weiter über dem Badeschiff hinter der Arena (noch heute und morgen, jeweils 21.30 Uhr). Ein Teil des Publikums hingegen fliegt gleich davon. Nicht wegen der Sommernacht, die sich anfühlt wie Spätherbst, nicht weil das nebenan ankernde Bar-Schiff „MS Hoppetosse“ einen amüsanteren Abend verspricht. Die Zuschauer fliehen vor der Beliebigkeit und Zotigkeit des Dreipersonenstücks um einen trinkfreudigen Butler (Ian Dickinson) und zwei am Leben vorbei sinnierende Diven an einer Hausbar im Nirgendwo.

Die Intentionen von Schauspielerin Regine Zimmermann, die den jugendlichen, kreischenden Gegenpol zur spießig nörgelnden Georgette Dee verkörpert, sind so dunkel wie das Spreewasser. Dabei gab die Nachwuchs-Diva Zimmermann am Deutschen Theater jüngst ein wunderbares, kluges Gretchen. Auch bei der Diseusen-Posse scheint Mephisto persönlich einzugreifen – Duette wie Solonummern geraten zum schrägen Hexen-Singsang. Das Fluss- und Poolwasser sind Nebendarsteller, zu guter Letzt entschwindet das Trio infernale im Indianerkanu in die Nacht.Georgette Dees ehemaliger Pianist Terry Truck lässt sich leider seit längerem nicht mehr blicken. Mit gutem Grund – an diesem Abend hätte sich die eine oder andere musikalische Möwe auf seinem Steinway verewigt.

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POP

Kulleraugen

aus Nippon

Das ist süß, und das ist lustig, wenn drei Japanerinnen in Teehaus-Kimonos auf der Bühne stehen und piepsen: „Alju wismi?“ Und wenn sie dann loslegen mit „Slii kuu kätz“, das unter dem Coasters-Titel „Three Cool Cats“ noch besser beschreibt, was die 5,6,7,8’s sind: In Japan längst All-Girl-Garagenrock-Heroinen, und seit ihrem Auftritt in Tarantinos Film „Kill Bill I“ die Lieblings-Trashband der weltweiten Retrogemeinde. Viel mehr als „kawaii!!“, das der Japaner zu Niedlichem, aber auch zu Coolem sagt, sind die 5,6,7,8’s zwar immer noch nicht. Aber bei Beat-Instrumentals wie „Green Onions“ von Booker T. kommt es eher auf Verve an, nicht auf sauberes Spiel, und schon gar nicht auf korrektes Englisch. „Yeah yeah“ heißt auf Japanisch eben „Whoo hoo“. Die Besucher in der ausverkauften Maria am Ostbahnhof sind bezaubert, und wenn nach alten Beat-Burnern wie „I am Blue“ oder dem „Harlem Shuffle“ der Zauber langsam nachlässt, verzieht man sich nachsichtig an die Bar, bewundert von weitem die hochhaushohen Bienenkorb-Frisuren und philosophiert über das Japan-covert-USA-Mysterium, das anscheinend besser funktioniert als anders herum. Jenni Zylka

POP

Der Vogel

kann singen

Am Anfang stand Jürgen Vogels Idee zu einem Film über eine fiktive Band. Erst später ist ihm klar geworden, dass er ja als Hauptdarsteller wirklich auf einer Bühne stehen und singen muss. Wie gut ihm das in „Keine Lieder über Liebe“ gelingt, kann man bald im Kino überprüfen. Aber schon jetzt ist aus der Filmcombo die real tourende Hansen Band geworden. Im ausverkauften Postbahnhof kämpft Jürgen Vogel gegen Lampenfieber. Ziemlich steif steht er da, hält sich zaghaft am Mikroständer fest, klopft mechanisch mit den Händen auf die Hüftknochen. Linkisch kokettiert er mit seiner Unerfahrenheit als Popstar, gleichzeitig genießt er ehrlich überrascht den Applaus.

Gut, dass Jürgen Vogel gar kein übler Sänger ist und mit zunehmender Konzertdauer seine Schüchternheit ablegt. Noch besser, dass er mit vier Musikern der Hamburger Bands Tomte, Kettcar und Home of the Lame mehr als kongeniale Mitstreiter hat. Die Vier haben zehn eingängige Songs im Stil der „Hamburger Schule“ verfasst und rocken leidenschaftlich drauflos. Vor allem Thees Uhlmann kann sich, von der Sänger-Bürde bei Tomte befreit, als vorzüglicher Leadgitarrist in Szene setzen. Bei seinen spitzzüngigen Kommentaren könnte man an Eifersucht zwischen ihm und dem Sänger-Schauspieler denken. Aber als Jürgen Vogel zum Schluss den zwei Köpfe größeren Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch herzlich umarmt, verscheucht man alle Hintergedanken und nimmt lieber das Bild eines freudetrunkenen Mimen mit nach Hause. Jörg Wunder

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KUNST

Das Kreuz

mit dem Kreuz

Wenn sich zwei Linien treffen, entsteht ein Kreuz, das christliche Hauptsymbol. „Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich“, predigte Jesus. Wie vieldeutig das Symbol ist, zeigt die Ausstellung Transzendenz und Symbolik. Das Kreuz in der Skulptur der Gegenwart . Eckhart Haisch, Chef des Instituts für Kunst und Handwerk im märkischen Lehnin , wählte 17 zeitgenössische Künstler aus, deren Werke rund um den Klostersee postiert sind (bis 9. Oktober, 14797 Lehnin, Skulpturenpark am Klostersee. Informationen unter: www.liw-lehnin.de). Viele Arbeiten erinnern nur entfernt an vertraute Symbole: etwa Robert Schads wunderbar schwereloses Hängekreuz aus geschmiedetem Vierkantstahl oder Franz Gutmanns Wegkreuz aus dickem Stahlrohr, an dem anstelle des Gekreuzigten ein Steinblock baumelt. Raffael Rheinsberg und Daniel Spoerri retten sich dagegen ins Zufallsprinzip. Ganz anders Andreas Slominski: Der im Jesuitenkolleg erzogene Künstler plante, die protestantische Gemeinde der Klosterkirche mit Weihwasser zu beglücken, das er durch Benetzen des gotischen Triumphkreuzes gewinnen wollte. Man lehnte höflich ab. Michael Zajonz

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