Kultur : KURZ & KRITISCH

Frank Noack

KINO

Der Charme

der Ungewaschenen

Dass Obdachlose davon träumen, von gutsituierten Bürgern aufgenommen zu werden – verständlich. Aber umgekehrt? Sind Obdachlose tatsächlich unwiderstehlich und die besten Therapeuten für Kleinbürger? Boudu – Ein liebenswerter Schnorrer (in vier Berliner Kinos) ist nach Paul Mazurskys „Zoff in Beverly Hills“ (1986) schon das zweite Remake von Jean Renoirs „Boudu“ aus dem Jahr 1932. Ein wenig „Lady Chatterley“-Romantik prägt diese Filme, die keiner sozialen Schicht weh tun möchten. Die Spießbürger sind ziemlich locker drauf, und der Penner hat gute Manieren, wenn man ihn darum bittet. Der im Ansatz provokante Stoff wird durch Hauptdarsteller Gérard Depardieu entschärft, der nachweislich eine wilde Kindheit und Jugend hatte, aber längst nicht mehr über jenen aggressiven Sex-Appeal verfügt, den die Rolle des Boudu erfordert. Wenn er ausgiebig seinen dicken Bauch vorführt, wirkt das eher niedlich als geschmacklos, und wenn er die Klotür offen stehen lässt, schockiert das nicht. Das Galeristenehepaar Lespinglet (Catherine Frot, Gérard Jugnot) muss es nicht bedauern, diesen Mann aufgenommen zu haben. Er bringt das Geschäft in Schwung, heilt die depressive Frau des Hauses, schwängert sie gar noch. Ende gut, alles gut. Die Fernsehästhetik und die hausbackene deutsche Synchronisation passen zum Thema. Aber dass Boudu sich als genauso bieder erweist wie die Biedermänner und -frauen, die er belästigt – diese Ironie scheint den Filmemachern entgangen zu sein.

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WELTMUSIK

Das Rattern

reinen Holzes

Noch vor zwei Jahren waren Madera Limpia allenfalls den Kulturbehörden in Guantánamo bekannt: einem verschlafenen Ort im Südosten Kubas, der an die berüchtigte US-Militärbasis grenzt. Doch der Film „Paraiso“, in dem Regisseurin Alina Teodorescu die sieben jungen Musiker porträtiert hat, sorgte für plötzlichen Ruhm. Nicht nur die Dokumentation erhielt Auszeichnungen, auch der Soundtrack wurde für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert. Jetzt touren Madera Limpia durch Europa. Der Ausbruch aus dem tropischen Langeweile-Ghetto klingt vielversprechend im aufgeheizten Tränenpalast : Die Band kombiniert Changüí, den folkloristischen Son cubano ihrer Heimatregion, mit HipHop, etwas Reggae und einer rhythmischen Bodenständigkeit, die vor lauter Energie keine Coolness nötig hat. Ein Drumset, Congas und ein Sammelsurium verschiedener afrokubanischer Trommeln machen dem Bandnamen „Reines Holz“ alle Ehre. Hinzugekommen ist ein Keyboard mit dem blechernen, etwas zickigen Sound der Achtzigerjahre. Einmalig: der Bursche mit Kopfhörern, der ab und zu elektronische Samples einstreut, schüttelt auch die Maracas oder setzt sich auf die Marímbula, ein uraltes, kastenförmiges Bassinstrument mit Metallzungen. Über diesen treibenden Son neuen Typs legen die beiden Sänger ihre spanischen Rhymes und Riddims, unverbraucht und durch und durch kubanisch. Dass allerdings nur drei Musiker aus der ursprünglichen Truppe zu sehen sind, flankiert von Sidemen aus Lateinamerika, wirft die typischen Fragen bei einer kubanischen Neuentdeckung auf, die sich erstmals auf Auslandstournee begibt: Hat sich die Band zerstritten, oder wurden einige ihrer Mitglieder von den kubanischen Kulturfunktionären schlicht als politisch unzuverlässige Youngster eingestuft, die es kaum nach Guantánamo zurückzieht? Roman Rhode

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