Kultur : KURZ & KRITISCH

Uli Schüler

FOTOGRAFIE

Ich hab’ noch

einen Koffer in Kairo

Ein junger Ägypter mit einem Koffer unter dem Arm schaut in die Kamera. Zufällig, denn der Fotograf wollte eigentlich nur die Ostfassade der Sultan Hasan Moschee gegenüber der Zitadelle in Kairo erfassen. Das Bild entstand in den Sechzigern – lange bevor man man im Schatten der Minarette nach Attentätern suchte. In dieser Zeit fotografierte der Engländer Sir Keppel Archibald Creswell (1879 – 1974) die wichtigsten muslimischen Bauten in Kairo. Mit seinem Bilderarchiv begründete er die Architekturgeschichte der muslimischen Welt. Eine Auswahl von rund vierzig Werken ist in der Ausstellung Kairo – damals und heute im Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum zu sehen (Museumsinsel, bis 25. September). Die Bilderschau zeigt Architektur aus der Dynastie der Mamluken-Herrscher in Ägypten, die zwischen 1252 und 1517 regierten. Die Mamluken bildeten zunächst die Garde des Königs, bis ihr General Aybak 1250 die Macht ergriff und die Witwe des Sultans heiratete. Den mit einer Boxenkamera geschossenen Aufnahmen Craswells wird jeweils eine Fotografie des gleichen Motivs aus der Gegenwart aus exakt derselben Perspektive gegenübergestellt. So liegt heute Müll vor dem damals noch prächtigen Bad Baschtak. Die Gebetsnische des Sultans An-Nasir Muhammad hingegen erstrahlt vierzig Jahre später in neuem Glanz. Der Junge mit dem Koffer von damals ist verschwunden. Die Moschee aber steht noch dort.

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KUNST

Abwarten und

Tee trinken

Ein seltsames Licht erfüllt den Raum, ein Glimmen von innen heraus, das dem Ensemble eine magische Erscheinung verleiht. Wenn man näher tritt, wird schnell klar, dass der Illumination eine fast provokant banale Versuchsanordnung zugrunde liegt. Seit fünf Jahren verfügt das Museum für Ostasiatische Kunst über einen Bôki, einen traditionellen japanischen Teeraum. Das „Teehaus“, das der japanische Künstler Yoshiaki Kaihatsu nun hier direkt neben dem Bôki aufgebaut hat, besteht allerdings aus profanen Styroporabfällen. Es handelt sich also mehr um die Travestie eines Teehauses. Dabei will Kaihatsu – derzeit Stipendiat im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien – sein Arrangement durchaus ambivalent verstanden wissen.

Das ergibt sich schon aus dem Titel der Installation: „Happô-en“ leitet sich vom japanischen Begriff für Polystyrol ab, die Silbe „en“ bedeutet soviel wie „liebevoll gepflegter Bereich“. Die respektlose ikonoklastische Geste ist demnach gleichzeitig eine augenzwinkernde Hommage an die Tradition, die, glaubt man den Experten, längst nicht so friedliche und harmonische Ursprünge hat, wie man meinen möchte. Früher war die Teezeremonie nämlich nicht zuletzt auch Ausdruck von Anarchie und Auflehnung gegen die Obrigkeit. Wenn Kaihatsus Teehaus sprechen könnte, es würde das sicher Styroporkügelchen für Styroporkügelchen bestätigen (Lansstraße 8, bis 28.8.) . Ulrich Clewing

KUNST

Träume sind

Schäume

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, befand der Dadaist und Surrealist Francis Picabia. Nur: Was tun, wenn man vor lauter Schauen (und Wegschauenmüssen) nicht mehr zum Denken kommt? In der Ausstellung „Fantastische Welte n“ in der Zitadelle Spandau wird das zum Problem, weil das Qualitätsgefälle der 150 Arbeiten von insgesamt 51 „surrealistischen“ Künstlern immens ist ( bis 9. Oktober, Di bis Fr, 9 – 17 Uhr, Sa und So 10 – 17 Uhr).

Es gibt dennoch Schönes zu entdecken – im historischen Teil. Picabias Ölgemälde „Pieris“ zum Beispiel, ein 1931 fertig gestelltes Rätselbild der Überlagerungen wie später bei Sigmar Polke oder David Salle. Mit den Stichen des Romantikers John Martin (1789 – 1854) geht Kurator Christian Melzer sogar zurück zu Inspirationsquellen der Fantastischen Kunst: Biblische Szenen geraten dort zu dramatischen, von Blitzen durchzuckten Traumszenen. Ansonsten vereint die Schau, was Galerien oder Museen ausleihen mochten: Hochkarätiges von Giorgio de Chirico, Dorothea Tanning, Edgar Ende oder Richard Oelze, frühe Zeichnungen des fantastischen Realisten Ernst Fuchs und erlesen Nebulöses aus der Meisterfeder von Horst Janssen. Dann aber muss der Betrachter durchs öde Terrain zeitgenössischer Fantastik. Neben den kunsthandwerklichen Visionen des „Alien“-Designers H.R. Giger tummeln sich vorwiegend die Dalí- und Magritte-Epigonen. Jens Hinrichsen

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LITERATUR

Hochzeiten und

andere Katastrophen

Olivias Start ins Eheleben ist nicht eben glücklich. Mit ihrem dreifachen Hochzeitsreigen erfüllt sich auf unheimliche Weise ein Todesfluch. Ihre Ehemänner richten sich selbst oder sterben. Ungewöhnliche Todesarten, erzählt in einem Tempo, als eile Martin Schlobies’ „Schöne Schwester des Tode s“ (Merlin Verlag, 70 Seiten, 14,90 €) selbst dem Tod entgegen. Die brutale Geschichte einer kollektiven Reinigung durch Opferung, an deren Ende die Dorfbewohner den unschuldigen Todesengel richten werden. Schlobies, Jahrgang 1955, ist Maler und Schriftsteller und lebt in Berlin. In seinem früheren Leben war er einmal Psychiater. Sein kleiner Roman erklärt nichts. Und eben dies ist betörend: Die Hauptfigur bleibt eine Leerstelle und zieht doch magisch an.

Olivia spricht kaum. Eine Engelsgestalt, die durch die Wiesen gleitet und ferne, innere Melodien summt. „Sie lebte, weil Himmel und Erde sie umfingen, und führte ein pflanzenhaftes Dasein.“ Man greift nach ihr und hält nichts in den Händen. Nicht die Tode sind das Unheimliche, sondern die leisen Verwandlungen der Olivia, ihre konsequente Entrückung angesichts einer unerträglich stillen Form der Ausgrenzung. Schlobies rückt Bilder aneinander und schichtet archaischen Stoff in zeitloses Erzählen – irritierend zielsicher auf ein harsches, knappes Finale hin. Ein bemerkenswertes Debüt. Anja Hirsch

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