Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Ab in

die Binsen

Das „Jetzt“-Gefühl ist eine Illusion, sagen die Neurowissenschaftler. Der erlebte Moment sei immer schon ein gewesener. Eine melancholische Vorstellung, so melancholisch wie die Rauminstallation von Catrin Otto , die im Projektraum „jetzt/now“ in der Berlinischen Galerie eine uralte Geschichte in die Gegenwart transponiert (Alte Jakobstraße 124–128, bis 7.9, Mo–Sa 12–20 Uhr, So 10–18 Uhr).

Ein flachsfarbener PVC-Belag liegt in Bahnen auf dem Museumsboden, klettert die Wände hoch und setzt sich im virtuellen Raum inszenierter Fotos fort. Eine raffinierte Verschränkung: Wir stehen mittendrin in den Bildern. Die Flechtstruktur des Belags Marke „Bastimat“ erinnert an das Bastkörbchen, in dem Moses ausgesetzt wurde – Symbol für Schicksal und Auserwähltsein. Für Catrin Otto steht das Geflecht eher für kulturelle und genetische Prägungen, denen auch nicht leicht zu entkommen ist. Ein Foto zeigt „Mose“ als dunkelhäutigen Mittzwanziger, im T-Shirt in der Raumecke hockend, mit einem Packen gefalteten Bodenbelags im Schoß.

Catrin Otto lässt Moses Möglichkeiten (so der Ausstellungstitel) in der Schwebe; besonders deutlich auf einer Fotomontage, die einen irritierend richtungslosen Raum zeigt: An Wänden und Decken kleben mit blutroter Flüssigkeit gefüllte Gläser und Flaschen. Schülerstühle, Gartenharken, Diarähmchen und Buchstabenschnipsel trotzen der Schwerkraft. Einerseits ein Mikrokosmos nutzbringender Dinge. Andererseits ein Raum wie ein Hamsterrad – oder ein Gehäuse der Melancholie.

* * *

THEATER

Ernst

und die Hunde

„Frohgemut nimm, was die Stunde schenkt, und – weg mit dem Ernste“, sagte Horaz. So lakonisch könnte die Zusammenfassung des Stückes Ernst von Igor Kroitzsch lauten: Ein einbeiniger Mann steht auf einem Tisch und blickt in die Ferne – es ist der personifizierte Ernst des Lebens. Ernst hat Frau und Kind, aber keine Arbeit. Also begibt er sich auf Jobsuche, die zu einer grotesken Odyssee mutiert. Vom Unternehmer misshandelt, von einer Hure verführt und von Organjägern ausgenommen, geht dieser Ernst – indem er einen alten Knochen klaut – buchstäblich vor die Hunde. Platter könnte der Plot nicht sein. Nicht schon wieder Sozialdrama, könnte man denken, wäre da nicht die skurrile, mitunter surreale Inszenierung von Uwe Schmieder.

Die zwei Musiker des Vorprogramms „Ernste Hilfe“, Chanson-Einlagen von „Mit 17 hat man noch Träume“ bis „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“, ein sprechender Hund an der Kette eines Sadisten oder die Gestaltung einer finalen Szene als Parodie der zeitgenössischen Oper – die meist originellen Einfälle machen die Mischung aus makabrem Kitsch und negativer Utopie kurzweilig, wenngleich es auch manchmal etwas zu klamaukig wird. Und die gestrige Open-Air- Uraufführung im Orphtheater (Ackerstraße 169/170, bis 1.9. täglich um 20.30Uhr) nimmt sich doch ein wenig zu ernst, wenn sie sich als politisches Theater ankündigt. Tobias Schwartz

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