Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Du, die

China-Pfanne ist voll

Wo sind eigentlich die vielen jungen Leute geblieben, die young-euro.classic bisher das Flair und den Reiz gaben? Ein eher mittelaltes, sehr solides Publikum bevölkert am Eröffnungsabend das Konzerthaus , als sei es den Stammbelegschaften der Unternehmen entsprungen, die auf der Bühne endlos als Sponsoren abgefeiert werden. Und so zäh zieht sich der ganze Auftritt des Orchestra of the Central Conservatory of Music Beijing hin. Zweifellos legen sich die jungen Musiker unter ihrem Chefdirigenten Yong-yan Hu mächtig ins Zeug, entwickeln auch gewisse Klangqualitäten seidiger Streicher und schneidigen Blechs – wenn es nicht, wie in Beethovens „Pastorale“, allzu komplex zugeht. Mit der „chinesischen Note“, die diesmal End- und Zielpunkt der europäischen Reise darstellt, entfesseln sie Beifallsstürme. Prädestiniert für die Begegnung der Kulturen scheint „The Song from the Earth“ von Xiaogang Ye zu sein, ein Auftragswerk des Festivals, das knapp 100 Jahre nach Gustav Mahler eine Art „Heimholung“ der chinesischen Lyrik betreibt.

Die Abschnitte „Von der Schönheit“ und „Der Trunkene im Frühling“ führt Bariton Chen-ye Yuan zu stimmgewaltigem Pathos, untermalt von heftigen Blechbläserattacken, Paukengewitter und grellem Xylophon. Sehr amerikanisch wirkt das in knalligem Cinemascope-Sound, bis Flöten- und Harfengeglitzer ihm ein wenig Chinagewürz hinzufügen. Eher ein Spiel mit Klischees auch das Violinkonzert „Butterfly Lovers“, ein Gemeinschaftswerk von Zhanhao He und Gang Chen. Die filigranen Verästelungen folkloristischer Melodik erfüllt der Solist Wei Xue mit geschmeidigem Ton – der untergeht in üppiger Streichersoße und zuckrigen Flötengirlanden. Dass man sich hier eher der gehobenen Unterhaltung annimmt, zeigt auch eine endlose Zugabenkette aus dem Reich des romantischen Salons. Mit Begegnung, Kommunikation mag das zu tun haben, mit Kunst weniger.

* * *

POP

Schlaf gut,

Jim-Bob

Vor dem Konzert der Waltons werden unter den großen Schirmen im regennassen Hinterhof der Kalkscheune Erinnerungen ausgetauscht, als wäre man mindestens Kriegsgeneration. Einer hat den „Waltons Square“ immer für den Hit einer „richtig weltbekannten Band“ gehalten. Eine weiß noch, dass ein Waltons-Mitglied früher, in der Schule, mal Popper war. Man stellt fest, dass von der Originalbesetzung aus den 80ern (mit Heini Walton, jetzt Studio Braun) nur noch Bene Walton übrig ist, der Gitarrist und Sänger, der damals lange, wellige blonde Haare hatte – ziemlich mutig für einen Cowpunksänger, aber lustig. Heuer trägt er die Haare kurz und hat sich ein Bandala-Kopftuch um die Stirn gebunden wie Little Steven, wer weiß, ob’s darunter noch sprießt. Am Schlagzeug sitzt Janni, also Janni Walton, einer von Berlins umtriebigsten Trommlern, den Bassisten kennt man auch irgendwoher.

Was herauskommt aus den Lokalhelden von vor zwanzig Jahren, deren Alben wie „Truck me harder“ den schönsten Western-Rockabilly präsentierten, ist aber noch so ziemlich das Gleiche wie weiland in unzähligen Kreuzberger Nächten: Countrypunk, schnell, hart, spielfreudig, wie Tex and the Horseheads, Blood on the Saddle und wie sie alle hießen. Man kann dazu Squaredance machen oder Pogen oder eine krude Mischung aus beidem versuchen, so wie die wenigen alten (Kreuzberg reist nicht gern) und vielen neuen Fans vor der Bühne. Die Waltons sind ungefähr hunderttausendmal authentischer und cooler als die provinziellen und fast totgehypten Unterhemd-Weicheier von Boss Hoss. Jenni Zylka

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