Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Konfekt

aus Kiew

Ist die neue Musik für Symphonieorchester wirklich in der Krise – oder braucht es mit diesem Medium einfach nur etwas länger, um auf aktuelle Ereignisse zu reagieren? In jedem Fall verpassten die jungen Leute vom Orchester der Tschaikowsky Musikakademie Kiew beim Young Euro Classic-Festival eine Chance. Die große Chance nämlich, im Konzerthaus Bewegendes von der orangenen Revolution zu erzählen. Stattdessen brachte man Paganinis 24 Capricci mit, von Miroslav Skoryk für großes Orchester bearbeitet. Mit ein bisschen Fantasie ließ sich allerdings auch diese „Uraufführung“ als Parabel für die Demokratisierung verstehen. Schließlich ging es darum, ausgerechnet jene berühmten Bravourstücke, die so untrennbar an die Person eines einzelnen charismatischen Solisten geknüpft scheinen, auf die Musiker eines riesigen Klangkörpers aufzuteilen. In einigen Sätzen funktionierte das recht gut: Das von Roman Kofman geleitete Orchester verfügt über einen wohlklingenden Streicherapparat, der Melodie und virtuose Spielfiguren immer wieder effektvoll an fähige Flötisten, Klarinettisten sowie Marimba-, Vibra- und Xylophonspieler abzugeben wusste. Auf Dauer trug das Experiment jedoch nicht: Zu einfältig war etwa der exotische Schlagzeugapparat auf die letztlich konventionelle Instrumentation appliziert. Wirklich befreit und locker interpretiert wirkten die Capricci auch erst nach Abschluss der Tour de Force: Als die Musiker zwei von ihnen als Zugabe wiederholen durften.

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KUNST

Perfekt

in Tibet

Der Baikalsee besteht aus nichts als Wasser, Eis und Licht. Schöner, als die Vorstellung erlaubt, erscheint er in der Fotoausstellung Die Ecken des Globus im Collegium Hungaricum (bis 15.9. Karl-Liebknecht-Straße 9). Daneben ein anderes Extrem: Tibet, das „mondgesichtige“ Land, in Schwarzweiß. Die Schönheit der Motive des ungarische Fotografen Zoltán Szabó kann in die Seele treffen – oder langweilen. Wie seine Vorgänger Kertész, Brassaï oder Capa, begibt sich der 1968 Geborene auf Reisen. Doch im Gegensatz zu ihnen, die auf der Suche nach Geschichten waren, sucht der gelernte Agrarökonom Szabó ein Zuhause. Fotografie nutzt er als Mittel, um im Chaos der Welt eine Ordnung zu entdecken. Deshalb kennt Szabó beim Fotografieren keine Eile. Er will Kompositionen, die im Gleichgewicht sind. Auch wenn das heißt zu warten. Auf ein Schiff, das erst zum Bildrand fahren muss oder auf den Umriss einer Lichtreflexion. Weil ihm die Präsentation seiner Fotografien fast ebenso wichtig ist wie die Bilder selbst, hat Szabó mit der Schriftstellerin Katalin Simon und dem Typografen Csaba Németh eine kleine Buchwerkstatt gegründet. Das Ergebnis ist eine Serie sorgsam arrangierter Bildbände, teils in deutscher Übersetzung: Guatemala, Tibet, Balaton, Budapest. Schade, dass gerade „Eiswürfel in Gottes Whisky“ , der Band zum Baikalsee, nur in der Vitrine zu sehen ist. Birgit Rieger

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