Kultur : KURZ & KRITISCH

Paul Bräuer

KLASSIK

Satter

Sound

Warum sind seine Sinfonien bei Jugendorchestern so beliebt? Weil Unerfahrenheit die Musik Gustav Mahlers eher ergänzt als stört? Solche ungewollte Heterogenität zeigte die Junge Sinfonie Berlin im Jahr 2000, als sie erstmals den Mut hatte, die neunte Sinfonie aufzuführen. Doch hinter Mahler und der Jugend steckt mehr: In Mahlers Sinfonik lässt sich die Moderne suchen. Beim Young-Euro-Classic-Festival kann man hören, dass Dirigent Marc Piollet sich und sein neu besetztes Orchester weiterentwickelt hat. Ein satter, ausgewogener Klang schlägt den Zuhörern im Konzerthaus entgegen. Die ersten beiden Sätze der Neunten verlieren so allerdings ihren zerrissenen Charakter. Dabei sucht der Komponist hier gerade nicht nach stimmiger Gemeinsamkeit, sondern stellt die Vielgesichtigkeit der Welt dar. Im dritten Satz spielt sich die Junge Sinfonie dann doch in einen Rausch, mit vielen gelungenen Solostellen; im finalen Adagio schließlich erreichen der aufopfernde Dirigent und sein zartfühlendes Orchester ein versöhnliches Ende. Die Musiker sind einen Schritt weiter – aber noch nicht am Ziel ihrer Suche. Bis 22. August steht beim Jugendorchestertreffen Young Euro Classic übrigens noch zweimal Mahler auf der Programm.

* * *

ROCK

Kluger

Krach

Bevor der Gitarrist Ira Kaplan im Jahr 1984 mit der Drummerin Giorgia Hubley eine Band gründete, schrieb er Musikkritiken für den „New York Rocker“. Die Zeitung ging ein. Yo La Tengo spielen seither Rock, der intellektuell genug ist, um Philosophie-Studenten anzulocken, ohne die ursprüngliche Energie des Awopbopaloobop vermissen zu lassen. Mittlerweile sind sie eine Institution und gehören zu den Klassikern ihres Genres, dem Indie-Rock. Immer wieder werden sie mit Velvet Underground verglichen. Das letzte Berliner Konzert fiel recht kurz aus, da nicht der Gitarrist der Gitarre Schläge versetzte, sondern eher umgekehrt. Jetzt ein neuer Versuch. Nein, eine aktuelle Platte haben sie nicht. „Wir müssen euch dankbar sein“, sagt Ira Kaplan im ausverkauften Columbia Club . „Es gibt so viel Konkurrenz heute.“ Nur wenige Häuserblocks entfernt läuft eine Blues-Brothers-Show.

Wir Zuhörer haben zu danken: All the way from Hoboken, New Jersey. Intro: „Giorgia vs. Yo La Tengo“, ein Klavier-Ostinato, mit massivem Schlagzeug-Einsatz unterbaut, wird konterkariert von einer Menge elektronisch erzeugtem Gefiepe und Gequieke. Melodische Momente und orgiastische Gitarrensoli mit Rückkopplungsgekreische folgen in jähem Wechsel. Neurotisches Gesäusel und krude Noise-Attacken. Auch zwanzig Jahre nach seiner Gründung baut das Trio auf den Klang der Fender-Gitarre und ein wenig Farfisa-Georgel. Modernere Elektronik würde die Angriffe Kaplans vermutlich nicht lange überstehen. Yo La Tengo sind die kleine seltsame Band geblieben, als die sie angefangen haben. Hans von Seggern

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben