Kultur : KURZ & KRITISCH

Uli Schüler

LESUNG

Schnaps

aus der Flasche

Vor einem halben Jahr schoss sich der amerikanische Schriftsteller Hunter S. Thompson mit einer seiner unzähligen Waffen in den Kopf. Es blieben zurück: Viele leere Schnapsflaschen und eine große Leserschaft. Einer der Fans ist Thompsons Freund Tom Wolfe, dessen Prinzip des New Journalism von Thompson weiterentwickelt wurde: Gonzo-Journalismus. Exzessiv und ichbezogen präsentiert sich diese Art des Schreibens, genauso wie Thompsons Romane. Sein „Fear and Loathing in Las Vegas“ wurde mit Johnny Depp verfilmt, von da an strahlten beim Namen Thompson nicht nur die Augen von Literaturstudenten. Einige von ihnen waren anwesend, als Falko Henning und Doc Schoko im Kaffee Burger einen Hunter S. Thompson Themen-Abend ausriefen. Auf der Radio Hochsee Bühne zwei klug gewählte Experten im Gespräch: der Verleger Klaus Bittermann, der bald in der Edition Tiamat eine Thompson-Biografie publiziert, und Rolling Stone-Journalist Matthias Penzel. Im Publikum und auf der Bühne herrschte Einigkeit: Gonzo ist nicht Schreib-, sondern Lebensstil.

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THEATER

Sex

in der Südsee

Claude Lévi-Strauss hat das antike Ödipus-Drama umgekehrt als Freud-Zitat gelesen. Die szenische Textcollage Weichland , erster Teil der Trilogie „Festung Europa“, verfährt ähnlich mit Diderot und Houellebecq. Inszeniert hat sie Regisseur Georg Scharegg im Theaterdiscounter (wieder am 12.-14.8., 18.-21.8., 25.-28.8., 21 Uhr). Der Aufklärer Diderot kommentierte die Reisebeschreibungen des Südseefahrers Bougainville. Tahiti als Klischee freier Liebe steht im Zentrum des humorvoll intellektuellen Diskurses, den nun vier Großstädter gut eine Stunde lang „spielen“. Vor schlichtem Bühnenbild – Unschuld symbolisierende Lilien ironisieren das Geschehen – kommen die Charaktere einander sexuell näher. Derweil rezitieren sie Künstler zum Thema. Die Aktualität Diderots zeigt sich nicht im Kontrast zu Erfahrungen eines Gauguin oder Marlon Brando, auch nicht zu den Sextourismus-Beschreibungen eines Houellebecq. Diderot nimmt Houellebecq vorweg. Lévi-Strauss würde ihn mit der gleichen Logik als Houellebecq-Zitat lesen. Tobias Schwartz

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